Text

Acht persönliche Fragen an Alain de Botton

Welche Eigenschaft schätzen Sie an einer Geliebten am meisten?
Bescheidenheit und die Bereitschaft, auch mal über sich selbst zu lachen. Sagen zu können: „Es tut mir leid. Ich weiß, ich bin manchmal ein bisschen verrückt.“ Zwei Menschen, die unumwunden einräumen können, dass sie ein bisschen lächerlich sind, haben eine gute Voraussetzung für eine gelungene Beziehung.
Ich habe in meiner 15jährigen Ehe gelernt, dass Liebe nicht einfach dieses großartige Gefühl ist, das für immer da ist, wenn man einmal die richtige Person gefunden hat. Ich hatte als junger Mann romantische Vorstellungen. Heute glaube ich, dass die Romantik der Feind der Liebe ist. Weil sie uns glauben lässt, dass es diesen einen Menschen da draußen gibt, der perfekt für dich ist. Hast du ihn einmal gefunden, läuft alles immer toll. Ich war zwar immer überzeugt, mit meiner Frau die richtige Person gefunden zu haben, aber trotzdem wurde es schwierig. Jeder Mensch, mit dem man über einen längeren Zeitraum zusammen lebt, wird sich als schwierig erweisen, weil Menschen nun einmal komplizierte Wesen sind. Liebe ist ein ständiges Bemühen. Niemand wird als guter Liebender geboren. Liebe bedeutet Großzügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Schwächen einer anderen Person zu üben.
Ich glaube auch, dass man an anderen ganz besonders Eigenschaften schätzt, die einem selbst fehlen. So bewundere ich an meiner Frau ihren Sinn fürs Praktische und ihre Fähigkeit, mit Geld umzugehen. Darin bin ich nämlich überhaupt nicht gut.

Was könnte Ihr größter Kritiker zu Recht von Ihnen behaupten?
Ich glaube, er würde sagen: Für jemanden, der auf dem Papier so weise ist, ist der Typ ganz schön normal. Ich habe gesehen, wie er den Postboten angeschrien hat! Obwohl er manchmal wie der Buddha spricht, benimmt er sich so gar nicht wie ein Buddha. Und ich würde sagen: Er hat recht. Ich würde sogar noch weiter gehen und sagen, dass ich wahrscheinlich verrückter bin als die meisten anderen. Genau deshalb bin ich ja so sehr an Logik und Verständnis interessiert. Ich suche nach Antworten auf meine eigenen Fragen, ich bin mein eigener Patient. Ich weiß, dass ich selbst der Ober-Idiot bin. Ich verliere auch mal die Beherrschung. Es ist leicht, sich über den Philosophen lustig zu machen, der sein Gepäck verliert und rumbrüllt. Worauf es ankommt ist die Selbstverpflichtung. Der Wunsch, sich überhaupt mit Ruhe und Gelassenheit zu beschäftigen. Ich suche so intensiv nach Lösungen, weil ich mir des Problems ausgesprochen bewusst bin.

Wo fühlen Sie sich zu Hause?
In meinem Büro am Computer, während ich an etwas schreibe. Schriftsteller ist für mich nicht einfach ein Beruf, es ist der Zustand des Zuhauseseins in der Welt. Indem ich schreibe, verstehe ich. Warum ist etwas schön? Warum ist es kompliziert? Wenn ich ein Stückchen Welt verstehe, fühle ich mich zu Hause. Man kann also sagen, ich fühle mich überall dort zu Hause, wo ich gut nachdenken kann.
Aber natürlich fühle ich mich auch in meinem Haus in London zu Hause. Es ist ein ganz besonderes Haus, das ich selbst entworfen habe. Ich habe ein großes Faible für Architektur, in einem anderen Leben könnte ich mir gut vorstellen, Architekt zu sein. Das Haus ist sehr modern. Es besteht aus einer Reihe von mit einander verbunden Würfeln und spiegelt meine Vorliebe für Ordnung und Logik wieder. Ich habe bewusst warme Materialien wie Holz mit kalten wie Beton kombiniert, was wiederum mein Interesse an Gegensätzen ausdrückt.

Was ist Ihre größte Jugendsünde?
Hm, Sünde? Eine Sünde war es wohl nicht, aber ich erinnere mich sehr gut daran, weil ich ausgesprochen hart bestraft wurde. Ich war ungefähr neuen Jahre alt und hatte eine schwangere Lehrerin. Irgendwie hat das Thema Schwangerschaft mich beschäftigt. Ich habe einen Cartoon über die Lehrerin gezeichnet und in der Klasse herum gehen lassen. Meine Klassenkameraden fanden ihn sehr lustig und daher habe ich mehr davon gemacht. Die Zeichnungen waren gar nicht anstößig, es waren eher harmlose Phantasien eines Jungen darüber, was es bedeutet schwanger zu sein, ein Baby zu bekommen. Aber als ich erwischt wurde, hatte das furchtbare Konsequenzen, ich musste sogar die Klasse wechseln. Bis heute finde ich die Bestrafung völlig unangemessen. Ich kann es mir nur so erklären, dass die Lehrerin selbst von Ängsten und Unsicherheiten geplagt war und daher mit meinen Zeichnungen nicht umgehen konnte.

Was ist Ihr immer wieder zurückkehrender Traum (oder Alptraum)?
Ich träume immer wieder von einem abstürzenden Flugzeug. Im Traum beobachte ich das Flugzeug und ich weiß, dass damit etwas nicht stimmt. Dann sehe ich, wie es abstürzt und bin von einem Gefühl absoluten Schreckens erfüllt. Dabei fliege ich ausgesprochen gerne. Der Traum hat also nichts mit Flugangst zu tun, sondern steht, glaube ich, für die Angst vor dem Tod. Ich habe große Angst davor, zu sterben, bevor meine Söhne erwachsen sind. Sie sind jetzt neun und elf und ich möchte auf jeden Fall leben, bis sie mindesten 24 sind.
Von dem abstürzenden Flugzeug träume ich auch besonders oft in Phasen beruflicher Unsicherheit. Das Flugzeug ist der Inbegriff von Kontrolle und hochentwickelter Technik, schön und stark, sein Absturz daher wohl ausgesprochen symbolträchtig.

Wann waren Sie zum letzten Mal richtig wütend?
Gestern war ich sehr wütend auf meinen älteren Sohn, weil er ausgesprochen gemein zu seinem jüngeren Bruder war. Er hat seinen Lieblingsteddybär gepackt und aus dem Fenster geworfen. Manchmal entdecke ich an meinem älteren Sohn etwas, das ich wirklich erschreckend finde, im Grunde unverzeihlich: die Freude daran, jemand anderen zu verletzen. Wenn man jemand anderem weh tut, weil man selbst leidet, kann ich das verstehen. Aber jemanden zu verletzen einfach nur, weil dir gerade langweilig ist und du denkst, es könnte lustig sein, ihn leiden zu sehen, das finde ich furchtbar. Natürlich habe ich versucht, mit ihm darüber zu sprechen, aber er ist in einem Alter, wo er die Augen verdreht und sagt: „Ja, ja, ich weiß schon, was du mir sagen willst.“ Er testet seine Grenzen aus. Und ich bestrafe ihn, indem ich ihn spüren lassen, wie sehr er mich enttäuscht hat.

Was ist das Dümmste, das Sie je getan haben?
Oje, ich habe so viel Dummes getan! Als ich Ende 20 war, war ich mit einer Frau zusammen. Ich bin viel zu lange mit ihr zusammen geblieben. Heute weiß ich, dass sie sich nichts mehr gewünscht hat, als zu heiraten. Ich hatte das nie vor und hätte ihr das viel früher ehrlich sagen sollen. Viele junge Männer wissen das nicht: Verschwende niemals die Zeit einer Frau!

Welche Person hat Ihr Leben am meisten geprägt?
Es ist vielleicht ein bisschen zu naheliegend, aber ich denke, meine Eltern. Ich habe ein sehr schlechtes Verhältnis zu meinem Vater gehabt. Inzwischen ist er tot und es tut mir sehr leid, dass ich nichts mehr tun kann. Mir wird immer mehr bewusst, dass ich meinen Eltern viel verdanke. Sie waren voller Energie und Neugier auf das Leben. Wenn jemand gesagt hat: „Das Museum schließt in einer halben Stunde“, haben sie gesagt: „Super, los, dann haben wir ja noch Zeit.“ Vielleicht lag es ja an ihrer Generation, daran, dass Krieg herrschte als sie Kinder waren. Sie hatten diesen merkwürdig optimistischen Blick auf die Menschheit, die Technologie, das Reisen. Sie waren, glaube ich, viel optimistischer als ich es bin. Sie waren mutig, sie haben Regeln gebrochen, nicht im kriminellen Sinne, sie haben einfach immer versucht, neue Wege zu finden.