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Auf der Suche nach Gott in Berlin

Sonntagvormittag in Prenzlauer Berg. Die schweren Holztüren der Immanuelkirche öffnen sich, von den Orgelklängen des Abschiedsliedes begleitet, strömt eine Gruppe Kinder lachend und schubsend heraus. Darunter die fünfjährigen Zwillinge Fritzi und Luise. Ihrer Töchter wegen haben Tanja und Christian beschlossen, wieder in die Kirche zu gehen. „Unseren Töchtern Werte zu vermitteln, ist uns wichtig“, sagt Tanja. „Kinder brauchen Rituale“, ist sie überzeugt. „Im Kindergarten haben sie gelernt, vor dem Essen eine Art Gebet zu sprechen. Das haben sie gleich zu Hause eingeführt.“ Bevor sie Kinder hatten, waren Tanja und Christian zum Gottesdienst eigentlich nur gegangen, wenn sie zu Weihnachten die Eltern besuchten. Oder zu Hochzeiten. Sie selbst haben auch kirchlich geheiratet. Weil es feierlich ist, aber nicht nur. „Ich glaube schon an Gott“, sagt Tanja. „Irgendwie“, setzt sie nach, als wäre ihr die Aussage ein wenig unbehaglich. Sie trägt einen Parka zu Röhrenjeans und Stiefeln, Christian eine dunkelblaue Seemannsjacke über ungebügeltem Ringelshirt. Sonntagsfein, wie man das früher nannte, haben sie sich für den Kirchgang nicht gemacht. Dennoch entsprechen sie genau dem Typ junger gebildeter Großstädter, den Feuilleton-Soziologen als das Neo-Bürgertum ausgemacht haben, das sich auf vermeintlich überkommene Lebensformen zurückbesinnt, zu denen eben auch der Kirchgang gehört. Tatsächlich haben einige Gemeinden gerade im kinderreichen Bezirk Prenzlauer Berg großen Zulauf. Dass Religion aber wieder den Stellenwert bekommt, den sie im bürgerlichen 19. Jahrhundert hatte, schließt Religionswissenschaftler Stefan Rademacher aus: „Zwar ist momentan eine Art bürgerliches Revival zu beobachten, ich bezweifle aber, dass wir wieder Zustände wie anno dunnemals bekommen. Einen Kaiser, der zugleich das Bischofsamt bekleidet, kriegen wir nicht wieder, auch wenn manche Leute ihre Kinder wieder Charlotte und August nennen und meinen, ein ‚von und zu’ in der Regierung wäre eine tolle Sache.“ Anfang des Jahrtausends hat Rademacher in einer groß angelegten Studie der Freien Universität die Berliner Religionslandschaft erforscht. Das Ergebnis ist in dem beeindruckend umfassenden Handbuch „Religion in Berlin“ nachzulesen, das er gemeinsam mit dem Kollegen Nils Grübel herausgegeben hat. Rund 360 religiöse Gemeinschaften haben sie in der Stadt ausgemacht, darunter neben den großen Weltreligionen auch seltsam Anmutendes wie Schamanenkulte und frei fliegende Hexen. Trotz dieser Vielfalt meint Rademacher, dass Religion in Berlin im Vergleich zu anderen Städten keine besonders große Bedeutung hat. „Menschen, für die Religion eine wichtige Rolle spielt, gibt es – anteilsmäßig gesehen – in Berlin weniger als anderswo.“ Das hänge unter anderem mit den beiden religionsfeindlichen Diktaturen zusammen. „Aber es ist auch eine Tatsache, dass Berlin schon im späten 19. Jahrhundert recht unchristlich war.“ Nicht besonders fromm war schon der protestantische Preußenkönig Friedrich der Große, von dem der Satz stammt, der auch heute noch charakteristisch ist für Berlin: „Jeder soll nach seiner Fasson selig werden.“       Klosterleben in der Großstadt Mechthild hat sich für einen eher altmodischen Weg entschieden, ihren Glauben zu leben: sie ist Nonne geworden. Und Mechthild ist auch nicht der Name, den ihre Eltern der jungen Frau gegeben haben, sondern der, den sie selbst gewählt hat, als sie in den Karmeliterinnen-Orden eintrat. Der hat seinen Berliner Sitz im Kloster Karmel Regina Martyrium, am Heckerdamm im Norden der Stadt. Von der Stadtautobahn dringt Verkehrsrauschen herüber. Es ist ein einfacher Zweckbau mit Flachdach, ein kleiner Vorgarten, ein großer Parkplatz. Nebenan liegt die Kirche Maria Regina Martyrium, die zum Gedenken an die Opfer der Nazidiktatur errichtet wurde. Der Glockenturm ist ein wuchtiger Koloss aus Beton. Ein Raum der Stille soll das Kloster sein, in dem Menschen zu sich selbst finden können. Man kann für Tage oder Wochen in den Gästezimmern Zuflucht suchen, an Gebeten und Gottesdiensten teilnehmen und die 20 hier lebenden Schwestern um Rat und Hilfe bitten. Tatsächlich rückt drinnen die Großstadt in weite Ferne. Es ist sehr still. Von einem holzgetäfelten Flur mit niedriger Decke gehen mehrere Zimmer ab. Die Wände sind weiß und schmucklos, ein Tisch, ein Stuhl, ein schmales Bett. Schwester Mechthild trägt das Ordenskleid, ein lockeres Gewand, das bis zu den Füßen reicht und ein schwarzes Kopftuch, eine Brille mit dünnem Metallgestell vor den dunklen Augen. Die 32-Jährige, deren dunkler Haaransatz unter dem Kopftuch hervorschaut, sieht jung aus und auch wieder nicht, eher alterslos. Wenn sie in ihrer Ordenstracht in der Stadt unterwegs ist, was nur sehr selten vorkommt, erlebt sie wohlwollendes Interesse. Besonders muslimische Frauen mit Kopftuch nicken ihr oft freundlich zu. „So nach dem Motto: Wir schauen ähnlich aus und es hat einen verwandten Hintergrund.“ Die Begegnung mit dem Islam war es auch, die sie in der Suche nach Gott, die sie seit ihrer Kindheit umtreibt, bestärkte. Bei dem Besuch in einer schiitischen Moschee im Rahmen eines Schulprojektes beeindruckte sie der Imam zutiefst. „Da hatte ich den Eindruck: Da lebt ein Mensch konkret mit Gott. Für ist ihn das keine theoretische Frage, er lebt es.“ Leben mit Gott, das wollte sie. Dennoch war es noch ein langer Weg, bis sie tatsächlich Nonne wurde. Sie studierte Theologie, um Pfarrerin zu werden, weshalb sie auch vorübergehend vom Katholizismus zum Protestantismus übertrat. Während des Studiums las sie immer mehr über den Orden, der sich auf Teresa von Avila beruft. „Wer Gott hat, dem fehlt nichts“, schrieb die im 16. Jahrhundert. Schwester Mechthild hat Gott, das ja. Aber es ist auch nicht so, dass mit dem Beitritt zum Orden, für den sie sich nach mehreren Besuchen und Probezeiten schließlich entschied, alles Suchen und Bemühen für immer beendet gewesen wäre. „Immer wieder erlebe ich, dass Gott mich in die Unsicherheit hineinstellt.“ Auch noch neun Jahre, nachdem sie die endgültigen Gelübde abgelegt hat. Ihre Familie hat sich schwer getan mit ihrem Entschluss. „Es ist für sie eine fremde Welt, aber sie bemühen sich, die Entscheidung zu respektieren.“ Schwester Mechthild führt ein Leben in festgefügten Strukturen, jeder Tag ist eingeteilt in Gebetszeiten und zu erledigende Arbeiten wie Waschen, Kochen oder im Klosterladen hinter dem Tresen stehen. Nur sehr selten verlässt sie das Klostergelände, Urlaubsreisen oder auch nur einen Wochenendbesuch bei Familie oder Freunden gibt es nicht. Auch reiten geht sie nicht mehr, was sie früher sehr gern getan hat. Die Pferde, sagt sie, fehlen ihr manchmal ein bisschen. Und doch führt sie genau das Leben, das sie führen möchte. Sie empfindet es als großes Glück, so viel Zeit und Ruhe zu haben, um Gott nahe zu sein. Dass gläubige Menschen bessere Menschen sind, glaubt sie allerdings nicht. „Jeder Mensch hat seinen ganz besonderen Weg. Ich versuche meinen so aufrichtig wie möglich zu gehen und anderen zu ermöglichen, dasselbe zu tun, aber darüber zu urteilen, was besser und was schlechter ist, steht mir in keiner Weise zu.“ Wie das wohl ist, fragt man sich, so ein Leben. So festgelegt, so unfrei. In der kargen Stille des Zimmers scheint der Atem ruhiger zu fließen und mit ihm die Gedanken. Wohltuend, diese Ruhe, denkt man. Und dann taucht die Frage auf, irgendwo hinten im Kopf, ob wir anderen denn wirklich so viel freier sind. Wir, die wir durch unser Leben hetzen, immer ein bisschen zu spät dran, immer bemüht, Job, Familie und Haushalt unter einen Hut zu bringen, immer voller Sehnsucht danach, einmal mehr Zeit zu haben. Zum Nachdenken zu kommen. Der Blick wandert hinaus in den Garten, wo sich die bunt belaubten Bäume im Herbstwind wiegen.   buy Plavix Einfach nur Dasitzen Es sind viele, die in die Zen-Meditation eingeführt werden möchten. Zwölf Leute sind an einem Samstagnachmittag in das geräumige Kreuzberger Loft gekommen, dessen Herzstück das Dojo bildet, ein von mit weißem Stoff bespannten Trennwänden begrenzter quadratischer Raum. Der Männeranteil ist im Vergleich zu anderen Meditations- oder sonstigen Selbstfindungsangeboten mit einem Drittel recht hoch. Vielleicht liegt es an der asketischen Strenge, diesem japanischen Mönch-Samurai-Ding. Der Raum ist schlicht, groß und weiß. An Kleiderstangen hängen schwarze Kimonos mit weiten Ärmeln, die diejenigen, die regelmäßig kommen, zur Meditation tragen. Die erfahrene Zen-Schülerin Jantje, die rötlichen Locken auf dem Kopf zusammengesteckt, wickelt sich den vielen Stoff ihres Kimonos mit geübten Gesten sorgfältig um den zierlichen Körper. Sie teilt Sitzkissen aus und erzählt ein wenig über die Gemeinschaft, die das Dojo am Mehringdamm betreibt. Der harte Kern der Gemeinschaft, die in buddhistischer Tradition Sangha genannt wird, besteht aus etwa 25 Leuten. Meister der Gruppe ist der in Paris lebende Amerikaner Philippe Coupey, den seine Schüler nur bei den regelmäßig stattfindenden mehrtägigen Treffen, den Sesshins, treffen. Ansonsten organisieren sie sich selbst, die erfahrenen Schüler betreuen die weniger erfahrenen. Zen ist eine japanisch geprägte Form des Buddhismus, bei der es allerdings weniger um Glaubensinhalte als um gelebte Praxis geht. Jantje erklärt, dass man das Dojo immer mit dem linken Fuß zuerst betritt, wie man Gassho macht, die rituelle Verbeugung mit den vor der Brust gefalteten Händen. Erst zum Altar in der Mitte des Raumes, dann noch einmal, wenn man seinen Platz erreicht hat. Dass man immer links am Altar vorbei gehen muss, weil der Platz rechts vom Altar dem Meister vorbehalten ist. Das hat nun doch viel von religiösem Kult. „Es gibt endlos viele Regeln im Zen“, klärt Jantje auf, „aber die haben im Grunde keine Bedeutung. Sie dienen nur dazu, die Achtsamkeit zu fördern“. Um Achtsamkeit geht es hier, darum, ganz bewusst im aktuellen Moment am aktuellen Ort zu sein. Jantje erklärt die Sitzhaltung. Man sitzt mit dem Gesicht zur Wand, die Augen möglichst unbeweglich auf den Boden gerichtet. Die Beine überkreuzt, idealerweise im Lotussitz, den beherrscht allerdings kaum jemand, ist es doch für einige schon selbst bei einfacher Verschränkung der Beine ein Problem, die Knie auf den Boden zu bringen. Die Wirbelsäule gerade aufgerichtet, das Kinn leicht zur Brust, die Hände vor dem Bauch, wobei Fingerspitzen und Daumen sich berühren. „Das ist es auch schon“, sagt Jantje. Zazen, das richtige Sitzen, ist die Essenz des Zen. Buddha, sagen Zen-Praktizierende, wollte keine Religion schaffen, sondern den Menschen dabei helfen, den Ursprung ihres Leidens zu verstehen und sich davon zu befreien. Wer es schafft, einfach nur dazusitzen, ohne etwas zu denken, zu erwarten, zu wollen, der ist frei. Hört sich simpel an, ist aber verdammt schwer. Viel schwerer als komplizierte Mantras auswendig lernen oder eine bestimmte Abfolge von Bewegungen beim Gebet. Der Geist, aller Aktivitäten und Ablenkungen beraubt, macht sein eigenes Programm. Gedanken tauchen auf und weigern sich zu gehen. Der Blick meint Bewegungen auf dem Boden auszumachen, Gesichter, die sich in der Maserung der Dielen abzeichnen. Dann kehrt tatsächlich Ruhe ein. Waren das jetzt 30 Sekunden oder drei Minuten? In dem Moment, in dem man stolz registriert: „Toll, ich habe überhaupt nichts gedacht“, ist es auch schon wieder vorbei. Das Ego stellt verdammt viele Fallen. Schließlich ist es jahrelang der Chef gewesen. „Keisaku“ befiehlt die Leiterin und jemand steht auf und beginnt den Meditierenden mit einer Art hölzernem Schlagstock auf die Schultern zu schlagen, das soll Verspannungen lösen und das Wegdösen verhindern. Nur gut, dass Jantje zur Einführung gesagt hat, dass Anfänger von dieser Anwendung ausgenommen sind. Nach 35 Minuten ertönt der Gong. Alle stehen auf, stellen sich hintereinander auf, die Arme vor der Brust verschränkt. Es folgen fünf Minuten Gehen in Zeitlupe, die Schritte im Einklang mit dem Atem. Dann zum Platz zurück und noch einmal 35 Minuten Sitzen, versuchen, die Angst vor der Langeweile loszulassen, sich in die Leere zu ergeben. So einfach ohne Weihrauch und herzwärmende Lieder der nüchternen Erkenntnis etwas abzugewinnen, dass genau das hier alles ist, was es je zu erreichen gilt. Reicht das denn? Und schon wieder eine Frage zu viel. Einfache Antworten sind beim Zen nicht zu erwarten. Eher solche, wie sie der Schüler bekam, der seinen Meister nach dem ultimativen Rat fragte. Der fragte zurück: „Hast du schon gegessen?“ Und sagte, als der Schüler bejahte: „Dann geh und wasch deine Schale ab.“   „Es liegt an uns, blühendes jüdisches Leben aufzubauen“ Freitagabend in Kreuzberg. Auf der Admiralsbrücke sitzen ein paar Leute zusammen, jemand spielt Gitarre. Ein Stück das Fraenkelufer hinunter versperrt ein Polizeiauto die Straße. Auch am Tor der Synagoge, deren bunte Fenster hell erleuchtet sind, steht ein Polizist. Neben ihm ein junger Mann mit Kippa, der freundlich mit „Schabbat Schalom“ grüßt. Ein Gotteshaus wie ein Hochsicherheitstrakt. Die Gläubigen sind das gewöhnt. Sie passieren den Metalldetektor, ohne ihre angeregten Gespräche zu unterbrechen. Man kennt sich. „Neue Frisur?“ wird eine junge Frau mit Bürstenhaarschnitt gefragt und ein Mann erzählt, dass sein Sohn jetzt in Bayern wohnt. „Und, gefällt es ihm da?“ „Nein, überhaupt nicht.“ Sehr viele sind nicht gekommen, um gemeinsam den Beginn des Sabbat zu feiern. Drei Frauen und etwa 15 Männer. Immerhin sind die für einen jüdischen Gottesdienst erforderlichen zehn Männer zusammengekommen, die ihre Bar Mitzwa – das jüdische Pendant zur Konfirmation – hinter sich haben. Das hell ausgeleuchtete Innere der Synagoge wirkt nüchtern: keine Kerzen, kein Weihrauch, keine bunten Bilder, einziger Schmuck ist der prächtige Samtvorhang, der den Thora-Schrein verhüllt. Aber als der Kantor zu singen beginnt, seine Belcanto-Stimme den Raum füllt, breitet sich eine feierliche Stimmung aus. Gesungen wird auf Hebräisch, Orgelbegleitung gibt es nicht, Männer und Frauen sitzen getrennt. Das ist nicht überall so. Der Ritus unterscheidet sich in den acht Berliner Synagogen deutlich voneinander. Von orthodox wie die Tiferet Israel Synagoge in der Passauer Straße bis egalitär wie die Synagoge in der Oranienburger Straße ist alles dabei. In den Heftchen, die auf den hölzernen Bänken ausliegen, kann man die Texte mitlesen, den meisten scheinen sie allerdings vertraut und beim Lied „Lecha Dodi … – auf mein Freund, lass uns hinausgehen und die Königin Schabbat empfangen“ stimmen alle lauthals ein. Nach einer halben Stunde schon ist das gemeinsame Gebet beendet, der Hauptgottesdienst mit feierlicher Thora-Lesung findet am Samstag statt. Beim Hinausgehen fällt auf, dass die Mitteilungen im Vorraum der Synagoge alle auch in Russisch verfasst sind. Dem Zuzug osteuropäischer Juden in den 80er und 90er Jahren ist es zu verdanken, dass die jüdische Gemeinde in Berlin heute wieder 11.000 Mitglieder zählt. Im Vergleich zu den 160.000, die 1933 hier lebten, sind das immer noch wenige, aber immerhin deutlich mehr als in den 60er und 70ern, als die Gemeinde auszusterben drohte. Auch Konstantin Pal ist als Kind mit seiner Familie aus Moskau nach Berlin gekommen. Nicht religiös erzogen, fand er in der jüdischen Gemeinde und in der jüdischen Oberschule zum Glauben und beschloss, ihn zum Beruf zu machen. Seit dem 4. November 2010 ist der kräftige 31-Jährige mit dem rotblonden Bart offiziell Rabbiner. Ausgebildet wurde er am Abraham-Geiger-Institut in Potsdam. Seit 1999 existiert es als erstes Rabbiner-Seminar in Zentral-Europa nach der Shoah. Im September 2006 wurden die ersten Rabbiner ordiniert. Pal ist überzeugt, dass die Zuwanderung das möglich gemacht hat. „Die Zuwanderung ist ein Geschenk, ohne sie würden viele jüdische Institutionen in Deutschland gar nicht existieren.“ Ein Rabbiner ist kein Priester. Streng genommen wird er für den Gottesdienst nicht gebraucht, den führt der Kantor aus. Aufgabe des Rabbiners ist die lehrende Vermittlung der Schriften, Glaubensinhalte und Lebensregeln. Als Lehrer und Gelehrter ist er auch über seine Gemeinde hinaus tätig. Den interreligiösen Dialog und die Vermittlung zwischen den Kulturen nennt Pal ausdrücklich als Teile seiner Aufgaben. Auf die Frage, ob die deutsche Rabbinerausbildung dazu beiträgt, dass Judentum in Deutschland wieder ‚normaler’ wird, sagt Pal: „Das jüdische Leben, das vor der Shoah existierte, wird es nie mehr geben, weil es die Menschen nicht mehr gibt, die dieses Leben geprägt haben. Es liegt aber an uns, der neuen Generation, ein neues, blühendes jüdisches Leben in diesem Land aufzubauen – eine große und schwere Herausforderung. Wir leben in dieser Gesellschaft und gestalten sie mit, ich denke, das ist ‚normal’“.     Wir unterteilten euch in Völker und Stämme, damit ihr einander kennen lernt Im Hinterhof in der Neuköllner Richardstraße steht ein saniertes Fabrikgebäude, die Backsteinwände weiß gestrichen, hohe Fenster, Balkone und Freitreppe aus Edelstahl. Hier liegt die Yeni Camii, die Neue Moschee, im Erdgeschoss die dazugehörige Teestube. Eine Gruppe Männer sitzt zwischen bunt zusammengewürfeltem Mobiliar und unterhält sich auf Türkisch. Auf dem Herd der offenen Küche stehen Kannen mit heißem Tee, die Bretter des Regals an der Wand biegen sich unter der Last von Büchern mit goldgeprägten Rücken. Um kurz nach sechs Uhr ertönt aus dem Lautsprecher an der Wand die Stimme des Muezzins, der zum Abendgebet ruft. Der kleine, ein wenig vollgerümpelte Raum wirkt sofort anders durch den orientalischen Gesang, spannender und fremder zugleich. Obwohl es über 80 Moscheen in Berlin gibt, ist die Stimme der Muezzine im öffentlichen Raum nicht zu hören. Die Männer stehen auf und gehen die Treppe hinauf in die Moschee. Ein holzgetäfelter Raum, ausgelegt mit weichem bunt gemustertem Teppichboden. Die Schuhe werden in Regalen am Eingang verstaut. An den Wänden hängen Tafeln mit schnörkeligen arabischen Schriftzügen, Suren aus dem Koran, der Muslimen als das Wort Gottes gilt. Auf einem Podest in der Ecke des Raumes steht der Muezzin mit einem Mikrophon. Der Imam, der einen hohen Hut trägt, tritt vor in eine Wandnische, die Männer stellen sich in einer Reihe vor ihm auf. Junge Männer mit Kapuzenpulli und Lederjacke, ältere in ausgebeulten Kordhosen. Der Imam betet auf Arabisch vor. Den Männern ist der Ablauf vertraut, gemeinsam verbeugen sie sich, richten sich auf, drehen den Kopf zur Seite, die Handflächen zum Himmel, streifen mit den Fingern die Ohrläppchen. Es sieht schön aus, so ein Gebet, das mit dem ganzen Körper ausgeführt wird, wie ein voller Hingabe ausgeführter Tanz. Ein langsamer Tanz für Gott. Nach 20 Minuten ist es vorbei, die Männer schalten die Handys ein und ziehen die Schuhe an. Fünf Mal am Tag sollte ein gläubiger Muslim beten, das tun in Berlin allerdings nur wenige, sagt Ender Cetin. Zum gemeinsamen Gebet, Freitagmittag dagegen sind die Moscheen voll. „Es gibt hier in Neukölln ja viele Rentner und Arbeitslose.“ Cetin lacht. Der 34-Jährige mit dem freundlichen Jungengesicht hält die Gebete ein. „So schwer ist das gar nicht“, sagt er. „Es gibt immer einen Spielraum, was den Zeitpunkt angeht und in fünf Minuten ist es erledigt.“ Regelmäßige fünf Minuten Auszeit vom Alltag – genau das, was Therapeuten vorbeugend gegen stressbedingte Erkrankungen empfehlen. Cetin ist Verantwortlicher für Öffentlichkeitsarbeit bei der Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIP) die in Berlin 14 Moscheevereine betreut, bundesweit 800. Die DITIB ist nur eine von vielen muslimischen Organisationen, einen gemeinsamen offiziellen Vertreter der Muslime gibt es Deutschland nicht, was mit ein Grund dafür ist, dass der Islam vom deutschen Staat immer noch nicht als Religionsgemeinschaft anerkannt ist. Das religiöse Leben organisiert sich rund um die vielen Moscheevereine, in denen teilweise sehr unterschiedliche Varianten des Islams gelebt werden. „Es gibt eine Vielfalt von Richtungen und die sind auch alle in Berlin vertreten“, sagt Cetin. Dass darunter eine ist, die Terror befürwortet, glaubt er allerdings nicht. „Es gibt sicherlich Einzelne, die radikale Ansichten vertreten, aber die Pauschalierung erzeugt ein Feindbild, das sehr gefährlich ist.“ Gefährlich, weil Jugendliche, die ständig wie potenzielle Kriminelle behandelt werden, in Versuchung geraten, dem „bösen“ Klischee zu entsprechen. Mit Religion, davon ist Cetin überzeugt, hat das allerdings nichts zu tun, auch wenn oft religiöses Vokabular benutzt wird. Paradoxerweise hat er selbst, aufgewachsen in Neukölln und areligiös erzogen, erst durch die ständigen Fragen nach seiner Religion angefangen, den Glauben für sich zu entdecken. „Meine Lehrer haben mir immer Fragen zum Islam gestellt, dabei habe ich mich viel mehr für Fußball interessiert. Irgendwann wird man zum Spezialisten“, sagt er. Zurzeit ist er dabei, zum Spezialisten in Gewalt-Theorie zu werden, so oft wird er danach gefragt. Er macht sich große Sorgen über die wachsende Feindseligkeit gegenüber Muslimen. Wo doch, davon ist er überzeugt, der Islam ein Teil Berlins ist. „In den letzten Jahren sind die Moscheen mehr und mehr aus den Hinterhöfen herausgekommen.“ Mehr junge Leute sitzen in den Vorständen, die die Vereine mit vielseitigen Aktivitäten nach außen öffnen. Interessanterweise werden Moschee-Neubauten – offenbar in dem Bedürfnis, deren Aktivitäten besser im Blick zu haben – seit dem 11. September 2001 leichter genehmigt als davor. So ist beispielsweise an der Skalitzer Straße, alles andere als versteckt, eine prächtige Moschee entstanden. Mit vier Minaretten und gläserner Kuppel. Die steht genau an der Stelle, an der einst der Bolle Supermarkt stand, der bei der ersten Kreuzberger Mai-Randale 1987 zerstört wurde. Auf die Frage, was für ihn das Wichtigste an seinem Glauben ist, denkt Cetin eine Weile nach. Dann sagt er: „Es gibt einen Vers, in dem Gott sagt: Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennen lernt. Das wäre für mich heute das Wichtigste.“   Etwas, das tief im Herzen berührt Der Laden an der Invalidenstraße sieht aus wie endlos viele andere Fernweh-Läden in Berlin. Es gibt Räucherstäbchen, Postkarten, von denen indische Götter lächeln, bunte Schlabber-Klamotten, Seidenschals und Bücher über Indien. Hinter dem Laden aber liegt der Eingang in eine kleine Parallelwelt. Wenn man die Treppe, deren Linoleumbelag schon etwas rissig ist, hinuntersteigt, kommt man in den Krishna-Tempel. Mit seinen mit Lotosblüten bemalten Decken, den gelben Wänden und den Fensterbildern verströmt der Raum den liebevollen Charme des Selbstgebastelten. Herzstück des Raumes ist der Altar, auf dem verschiedene Götterstatuen in prächtig bunten Gewändern aufgereiht stehen, geschmückt von Blumen, Lichterketten und Kerzen. Wer sich einen Rest kindlicher Begeisterungsfähigkeit bewahrt hat, muss gerührt sein von so viel kitschiger Pracht. Jeden Sonntagnachmittag wird hier ein Hindu-Fest gefeiert, zu dem sich eine wilde Mischung unterschiedlichster Leute einfindet. Junge Frauen in bodenlangen Röcken mit Rastazöpfen, einige mit Babys im Tragetuch, Ältere, die man sich auch gut im Bibelkreis vorstellen könnte, Männer mit dem ledrigen Gesicht des Globetrotters und eine ausgesprochen seriös aussehende indische Familie. Ein Fest ist es wirklich, dieser fast dreistündige Gottesdienst. Lieder werden gesungen, die eingängige und schöne Melodien haben, so dass sie einem bekannt vorkommen, auch wenn man sie noch nie gehört hat. Es ist ein Wechselgesang, eine junge Frau im violetten Baumwoll-Sari singt vor, die anderen singen nach. Mit mädchenhaft schöner und doch kräftiger Stimme singt sie, die Augen geschlossen, voller Inbrunst, und schlägt dazu eine große Trommel im Takt, der zum Ende jedes Liedes schneller wird, wenn es im Maha-Mantra endet: „Hare Krishna, hare Krishna, Krishna, Krishna, hare, hare …“ Der Priester, ganz in Weiß, die Stirn mit weißer Farbe bemalt, schwenkt Räucherwerk, Kerzen, Teller mit Opfergaben vor den Gottheiten, ein paar Kleinkinder hüpfen im Kreis, die niemand zur Ordnung ruft. Dann hält die junge Vorsängerin eine Predigt, die so sehr von echtem Interesse zeugt, die so engagiert und ernsthaft ist, ohne je in bigottes Eifern abzugleiten, dass man unweigerlich denkt: wenn dieser Gesang und diese Predigt das Ergebnis ihres Glaubens sind, dann muss das ein guter Glauben sein. Nach und nach kommen immer mehr Menschen, zur abschließenden Arati-Zeremonie ist es richtig voll im Raum. Alle singen, tanzen und klatschen zum Takt der Gesänge, der Priester bläst in sein Muschelhorn. Hindu-Götter halten ganz offensichtlich nichts von stiller Verehrung. Einer, der hier regelmäßig feiert, ist Govinda. Dass er wegen seines Glaubens manchmal ein bisschen komisch angeschaut wird, stört ihn nicht. Der Mittzwanziger, der ausgewaschene Schlagjeans trägt, kennt es nicht anders. Schon in seiner Kindheit, die er in einem winzigen Ort in Mecklenburg verbrachte, war der junge Mann mit dem sanften Lächeln und dem leicht verwilderten Haarschnitt ein wenig anders als alle anderen. Schon allein der Name. „Govinda“ ist einer der vielen Namen Krishnas. Seine Eltern haben ihn so genannt, weil sie Hindus sind. Selbsternannte Hindus in der DDR. In Indien waren sie vor der Wende nie. Die Rituale und Gesänge, die sie im Morgengrauen an ihrem Hausaltar zelebrierten, haben sie aus Büchern gelernt und bei gelegentlichen Besuchen in Berlin. Dort, in der Wohnung des Kirchenheizers von der Schönhauser Allee, trafen sich regelmäßig ein paar Leute, um gemeinsam zu singen, die vedischen Schriften zu lesen und vegetarisch zu essen. Diese paar Leute sind die Keimzelle der Hindu-Gemeinde, die heute einen eigenen Tempel mit angeschlossenem Ashram in der Invalidenstraße hat. In diesem Ashram, was so viel heißt wie religiöse Lebensgemeinschaft, lebt und arbeitet Govinda, gemeinsam mit jungen Leuten aus der ganzen Welt. Hier kann er intensiv den Glauben leben, der ihn seit seiner Kindheit fasziniert. Es ist die Vaishnava-Richtung des Hinduismus, in dessen Zentrum der Gott Vishnu steht, verehrt in seiner Hauptinkarnation Krishna. Krishna ist ein ausgesprochen freundlicher, liebevoller Gott, meist als Flöte spielender hübscher junger Mann dargestellt. Im Hinduismus, besonders im Krishna-Kult wird ein sehr sinnlicher, verspielter Umgang mit Religion gepflegt. Die Verehrung der Götter hat ein wenig von Puppenspielen. Die Statuen werden täglich umgezogen, gebadet und gefüttert. „Gott wird verehrt wie ein besonderer Gast im Hause“, sagt Govinda, „ich finde es viel leichter, mich mit den Glaubensinhalten zu verbinden, wenn sie so real gelebt werden. Wenn ich zum Beispiel daran denken muss, Krishna aufzuwecken, ihn zu baden und anzuziehen.“ Eigentlich wollte Govinda nach dem Abi für ein Jahr in den Berliner Ashram kommen, inzwischen sind es schon sechs. Weil es ihn immer wieder fordert und er es mag, gefordert zu werden. Und etwas zu tun, das ihm sinnvoll erscheint. „Ich denke darüber nach, was mir wichtig ist, welche Werte ich verfolgen möchte, wo ich meine Energie hineingebe. Ich kann mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben für etwas zu arbeiten, das man sowieso zum Schluss verliert.“ Arbeit gibt es allerdings auch hier genug, schließlich muss sich die Gemeinde finanzieren. Haupteinnahmequelle ist das vegetarische Catering mit kleinem Restaurant. Der Einsatz für den Vegetarismus hat in den letzten Jahren immer mehr Raum eingenommen. Die Gemeindemitglieder betrachten ihn als logische Konsequenz aus ihrem Verantwortungsgefühl für die Welt, die sie ihr Glauben lehrt. Govinda verzichtet hier auf vieles. Auf Privatsphäre vor allem. Er hat kein eigenes Zimmer, ist von morgens bis abends mit anderen zusammen, besitzt nichts außer den Kleidern, die er trägt. Dennoch ist er glücklich. „Hier finde ich etwas, das mich ganz tief in meinem Herzen berührt“, sagt er und dabei leuchten seine Augen, als wäre er frisch verliebt.

FOTO: BETTINA HOMANN