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Big in Japan

Ein warmer Sommerabend während der Fashion Week. Im Konk in der Kleinen Hamburger Straße präsentiert die Designerin Tamari Nikoleishvili die neue Kollektion ihres Labels Penelope’s Sphere. Die Stimmung ist entspannt. Vor dem Laden stehen ein paar Leute und trinken Wein, dazwischen wuseln zwei kleine Mädchen, bemüht, beim Herumrennen nicht allzu viel von ihrem Eis zu verkleckern. Unter den Gästen ist auch Yann Le Goec aus Tokio, Einkäufer der Handelsagentur HP France, die in Japan mehrere Läden und eine Modemesse betreibt. Le Goec ist so etwas wie die gute Fee der Berliner Designer. Genauer gesagt, solcher Designer, die ausgefallene, schrille Sachen entwerfen. Er reist zweimal im Jahr an und sucht Entwürfe, angesichts derer hierzulande unweigerlich die Frage gestellt wird, wer denn bitte so etwas anziehen solle. Genau die nämlich wollen seine japanischen Kunden. Und auch er selbst. Der dunkelhaarige Enddreißiger mit Dreitage-Bart hat einen extravaganten Geschmack. Heute trägt er ein mit bunten Fransen geschmücktes Sweatshirt und eine ebenso bunte Jogginghose, beides vom Berliner Label Starstyling.

Die Veranstaltung im Konk entspricht ziemlich genau dem, was Le Goec, den „Berlin Spirit“ nennt.

„ Ich mag sehr, wie frei, locker und unkonventionell es hier zugeht, außerdem kommen Leute aus der ganzen Welt zusammen.“

Dabei hat sich der Franko-Japaner, der mit charmanten französischen Akzent Englisch spricht, gar nicht sonderlich für die Stadt interessiert, als ihn sein Chef vor sieben Jahren losschickte, die junge Messe Bread & Butter zu erkunden. „Ich war total überrascht, so viele interessante Designer zu treffen“, sagt er und kommt seither zwei Mal im Jahr.

Ganz besonders angetan war er damals von genau dem Laden, vor dem er jetzt in der Abendsonne steht. Damals baumelten gerade ein paar Transistor-Radios von der Decke, an der Wand verlief ein Gewirr von Neonröhren.

Zurück in Tokio eröffnete Le Goec, unterstützt von Modedesignerin und Konk-Gründerin Ettina Berrios-Negròn, im Trendbezirk Shibuya „Wut Berlin“, eine Kopie des Berliner Designerstores, seit der Gründung im Jahr … wichtigste Anlaufstelle für junge Berliner Label. „Wut“, so fand Le Goec, sei ein ziemlich cooles deutsches Wort. Er assoziiert damit eine Art aggressive kreative Energie, wichtiger Bestandteil des Mythos, der sich um die deutsche Hauptstadt rankt.

Seit vielen Jahren ist Berlin weltweites Sehnsuchtsziel. Hartnäckig hält sich die Vorstellung der coolen Stadt mit verrücktem Nachtleben, in der kreative Menschen in graffiti-besprühten Abrisshäusern machen, was sie wollen. Für Japaner, deren familiärer und beruflicher Alltag stark von traditionellen Konventionen geprägt ist, ist die Idee des wilden freien Lebens reizvoll. „Japaner“, sagt Ettina Berrios-Negròn, die Le Goec nicht nur bei der Konzeption von Wut Berlin half, sondern auch bei der Auswahl der Designer, „ leben in sehr konservativen Strukturen, sie drücken ihre Individualität mit Kleidung aus, die dann auch extravagant aussehen soll. Deutsche kaufen Autos und sparen für ein Haus, Japaner dagegen kaufen Mode.“

Davon profitieren große Marken von Louis Vuitton bis Prada, aber eben auch kleine Designer-Label. Allerdings unter einer Bedingung: sie dürfen keinesfalls zurückhaltend schlicht daher kommen, die Entwürfe müssen avantgardistisch und auffällig sein. „Die Sachen müssen laut, flashig, bunt sein“, sagt Berrios-Negròn, „so richtig schön crazy.“

Am besten geht bei „Wut Berlin“ Mode, die so ausgefallen ist, dass bei großen Modeketten niemand auf die Idee kommt, sie zu kopieren, weil sie nicht massentauglich ist.

Die skulpturalen und individuell handbedruckten Teile des Designer-Duos Anntian beispielsweise, die dekonstruierten Hüllen von Vladimir Karaleev oder die schräg- bunten Kollektionen von Starstyling.

Gleich nach Gründung des Labels, erzählt Designerin Katja Schlegel, wurden die Shirts und Armbänder, mit denen Starstyling von 10 Jahren angefangen hat, in Japan verkauft. „Japaner verdienen Geld um es auszugeben, das funktioniert schon mal ganz anders als in Deutschland“, sagt Schlegel. „Sie legen enormen Wert auf Kleidung, lieben dieses durchgeknallte Farben-Ding, sind viel expressiver, schräger, quietschiger.“

Genau das liefert Starstyling.

Außerdem passende Schnitte. Der Look von Starstyling ist nie betont körpernah. „Sexy geschnittene Kleidung mögen Japaner und Japanerinnen überhaupt nicht“, erklärt Le Goec. Tief dekolletiert und schmal – geht nicht. Zu lang auch nicht. „Ein bodenlanges Dress verkauft man in Japan garantiert nicht. Das darf allenfalls dreiviertel lang sein“, bestätigt Schlegel. Das Wissen nicht nur um japanische Vorlieben, sondern auch um japanische Physiognomie ist wichtig, wenn man den Markt bedienen will. Starstyling produziert von allen Teilen eine Asia-Version mit kürzeren Hosenbeinen und Ärmeln und größeren Halsausschnitten. Das lohnt sich. Denn Asien ist riesig. Neue große Märkte tun sich in Korea, Taiwan und China auf. „ Und was coolen Style angeht, orientiert sich ganz Asien an Japan“, sagt Le Goec. Davon was cool ist, hat er eine klare Vorstellung.

Schlichte Zurückhaltung ist definitiv nicht sein Ding. Diesmal, fand Le Goec, gab es auf der Fashion Week viel zu viel langweilig konventionelles Zeug zu sehen. Seinen Frust bringt er in einem drastischen Stoßseufzer zum Ausdruck: „Fuck the minimal!“

Katja Schlegel lacht. Sie findet diese Aussage inspirierend. „Die nächste Starstyling-Kollektion nennen wir „Fuck the Minimal’“ Das wird in Japan bestimmt ganz groß.

FOTO: Kira/ Tokyofashion.com