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Butter bei die Fische

Matthias Zschaler sitzt an seinem Schreibtisch, der große Bildschirm seines Computers leuchtet grünlich. An diesem Ort verbringt der 38-Jährige viel Zeit. Er arbeitet in seinem Wohnzimmer. Oder lebt in seinem Büro, je nachdem. Um ihn herum stehen lauter interessante Dinge: Ein Miniaturpanzer aus rosa Plüsch, eine Armbanduhr aus Pappe mit extravagantem Display, ein hölzerner hellblauer Nussknacker, der aussieht wie ein Comic-Roboter. Prototypen von Produkten, die er entworfen hat. In seinem Computer wie in seinem Kopf lagern noch jede Menge weiterer Ideen. Zschaler hat an der Universität der Künste (UdK) Design studiert. Heute arbeitet er als freier Designer. Das heißt, er denkt sich Produkte aus und sucht anschließend Hersteller beziehungsweise Händler dafür. Außerdem entwirft er didaktische Illustrationen für Handbücher und Broschüren über technische Geräte. Und bloggt für das Design-Magazin „Klat“. Auf diese Weise zu arbeiten ist nicht immer einfach sagt er, aber er will es so. Ein Angebot für eine Festanstellung hat er kürzlich ausgeschlagen, weil er lieber sein eigenes Ding macht. Damit ist Zschaler einer von 13.000 Berlinern, die im Bereich Design tätig sind und 2009 ungefähr 500 Millionen Euro Umsatz erwirtschaften. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung entspricht das in etwa fünf Prozent des Branchenumsatzes auf Bundesebene. Wie viele der 13.000 Erwerbstätigen freiberuflich arbeiten oder für die einzelnen Teilbereiche der Branche, wie Mode, Werbung, Innenarchitektur oder Grafik- und Kommunikationsdesign zuständig sind, wird statistisch nicht erfasst. Autorendesigner wird jemand wie Zschaler genannt. Gemeint ist eine Arbeitsweise, bei der der Designer sich – ähnlich wie ein Künstler – seine Aufgaben selbst stellt und später überlegt, was damit passieren soll. Geprägt hat den Begriff in den 80er Jahren der Designer Axel Kufus, der heute den Studiengang Produktdesign an der Universität der Künste leitet. Er hält diese freie Arbeitsweise, die gerne mal als nutzlose Spinnerei abgetan wird, für eine besondere Stärke Berlins. „Deutsches Design ist häufig von großem Perfektionismus geprägt, fast aseptisch. In Berlin geht es seit langem darum, auch mit künstlerischen Strategien Unfertiges ein Stückchen weiter zu treiben, experimentell vorzugehen.“ Kufus betont, dass an der UdK keine klassischen Industriedesigner ausgebildet werden. Design in seinem Sinne ist nicht in erster Linie Formgestaltung, sondern grundsätzliches Nachdenken über die Welt und ihre Gegebenheiten. Designer müssen vor allem über eine Eigenschaft verfügen, die Kufus scherzhaft „kriminelle Energie“ nennt. „Es geht darum, die Dinge nicht als gegeben hinzunehmen, Grenzen nicht anzuerkennen.“ Berlin hat den Ruf, fruchtbaren Boden für Kreativität zu bieten. Weil die Stadt über Spielraum verfügt, in dem experimentiert werden darf. Neues entsteht nur, wo über die Grenzen des Kalkulierbaren hinaus gedacht wird. Es ist genau dieses kreative Chaos, in dem kindischer Unsinn gleichberechtigt neben zukunftsweisenden Ideen stehen darf, das dafür sorgt, dass Menschen auf der ganzen Welt leuchtende Augen bekommen, wenn das Stichwort Berlin fällt. Dennoch ist damit keinesfalls weltfremdes Werkeln im Elfenbeinturm gemeint. Mit großem Engagement treibt Kufus, der in den 80er Jahren eine Schreinerwerkstatt in Schöneberg betrieb, die Vernetzung von Design mit Handwerk, Technik und Wirtschaft voran. Er gründete im April 2007 das Projekt Designreaktor, in dem Designer mit Berliner Unternehmern zusammen Produkte entwickeln. Und nahm damit vorweg, was auf einmal alle wollen. Armut ist nämlich auf Dauer doch nicht sexy. Die Designbranche möchte nicht mehr kreativer Abenteuerspielplatz sein, sondern ernst zu nehmender Wirtschaftsfaktor. Das wünscht sich auch der Senat und hat neue Strategien und Förderprogramme entwickelt. Nachdem man jahrelang auf Kreativwirtschaft setzte, heißt die neue Richtlinie: den Industriestandort Berlin stärken. Dass hierin auch eine Chance für die Designbranche liegen kann, hat eine Potenzialanalyse ergeben, die die Deutsche Gesellschaft für Designtheorie und Forschung im Auftrag des Senats erstellt hat. 15 konkrete Maßnahmen sind darauf aufbauend, entwickelt worden. Eine davon ist die „Interessenbündelung der Designbranche“. In der Praxis bedeutet das: ein gemeinsames Gebäude in dem sich Netzwerke und Institutionen, wie das Internationale Designzentrum (IDZ) oder die Kreativen-Vertretung Create Berlin, ansiedeln, um so die Zusammenarbeit und den Außenauftritt der Branche zu verbessern. Noch ist allerdings nicht klar, ob die Akteure das auch wollen, sind die Anforderungen und Interessen bei aller Gemeinsamkeit doch sehr unterschiedlich. Und der Senat kann – auch aufgrund begrenzter Mittel – nur Vorschläge machen. „Wir legen Wert darauf, dass es ein partizipativer Prozess ist. Es kann nicht heißen: ‚Senat, mach mal’. Es muss viel mehr darum gehen, dass die Branche sich besser koordiniert, nicht gegeneinander arbeitet und die eigene Rolle in Innovation und Industrieproduktion wahrnimmt“, sagt Ingrid Walther, die seit 2005 das Referat für Kommunikation, Medien und Kreativwirtschaft leitet. Eine weitere Maßnahme ist das „Hybrid Projekt“, eine interdisziplinäre Plattform der Universität der Künste und der Technischen Universität, die als Schnittstelle zwischen Technologie und Design dienen soll. Wirtschaftssenator Harald Wolf erteilte im März eine Förderzusage von 514.000 Euro. Ziel ist es, – auch im Auftrag von Unternehmen – technologische, wirtschaftliche und gestalterische Kapazitäten der Universitäten zusammen zu bringen und so innovative Lösungen zu entwickeln. In die neue Strategie passt auch die Ausstellung „ID Berlin“, die Berliner Industriedesign zeigt. Das Konzept entwickelte das IDZ im Auftrag des Senats. Zunächst wurde ein Aufruf gestartet, Produkte einzusenden, die in Berlin entworfen und industriell gefertigt werden. Cornelia Horsch, Leiterin des IDZ, war erfreut über die Vielzahl der Produkte, die eingesandt wurden, vom Kochlöffel über den USB-Stick bis hin zum Mischpult. „Mit Berliner Design wird häufig junges Autorendesign verbunden, das teilweise der Kunst sehr nah ist. Dabei gibt es in dieser Stadt ebenso viele hochprofessionell arbeitende Industriedesignerinnen und –designer, die jedoch meist wenig Aufhebens um ihre Arbeit machen. Diesen wollen wir mit der Ausstellung eine Plattform geben.“ Die Ausstellung, die bereits in Hannover gezeigt wurde, im Frühjahr dieses Jahres in Berlin zu sehen ist und anschließend nach Hongkong gesandt werden soll, zeigt die zehn innovativsten und professionellsten Produkte. Bei der Zusammenarbeit von Wirtschaft, Technologie und Design, betont Kufus, dürfe es allerdings nicht um Kompromisse gehen, gerade in den teils sogar gegensätzlichen Herangehensweisen liegen Ansätze für Innovation. „Den Designern zu sagen: Ihr müsst mit dem Experimentieren aufhören und Business as usual machen, wäre der falsche Weg. Wir müssen sie viel mehr mit dem klassischen Geschäft in Verbindung bringen und aus den Spannungsfeldern lernen. Es geht nicht um Kompromisse, sondern um Synergien.“ Die Präsentationsfläche für innovatives, mutiges und verspieltes Berliner Design bietet das Festival DMY, 2003 als experimenteller Ableger des Designmais von dem Grafiker und Webdesigner Jörg Suermann gegründet. Das Festival wächst seit Jahren – über 700 Designer waren 2010 vertreten – und zeigt längst nicht mehr nur Berliner Design. Im Gegensatz zu klassischen Möbelmessen in Mailand oder Köln geht es hier weniger um die Vermarktung fertiger Produkte als darum, Plattform für kreativen Austausch und Diskussionen zu Aufgaben, Motivationen und Vorgehensweisen von Design zu sein. Das passt zu Berlin, wo es kaum Hersteller, dafür aber diverse Institutionen gibt, in denen Designforschung betrieben wird. Für die gibt es durchaus wirtschaftlichen Bedarf, betont Suermann und weist darauf hin, dass sich Forschungseinrichtungen von Google oder Telekom in Berlin angesiedelt haben. Bei aller Experimentierfreude geht es auch für den DMY darum, wirtschaftliche Potenziale auszuloten. Nicht zuletzt deshalb, weil die Förderung durch den Senat im vergangenen Jahr ausgelaufen ist. Die Potenziale sieht Suermann darin, mit dem DMY eine Stufe vor dem Produkt zu sein. Einkäufer ist in diesem Sinne weniger der Möbelhändler als der Hersteller, der Ideen für neue Produkte sucht oder Anwendungsmöglichkeiten für innovative Materialien. Weiteres wirtschaftliches Potenzial liegt Suermann zufolge im Export des Konzepts. „Das internationale Interesse an einem Designfestival wie dem DMY ist groß“, sagt er. Deshalb plant er mit dem Format zu expandieren, wann genau es soweit ist und wohin es gehen soll, steht allerdings noch nicht fest. Eine neue Veranstaltung, die auch in den Bereich Design fällt, und die diesen Herbst zum ersten Mal auf dem ehemaligen Flughafengelände in Tempelhof stattfinden soll, ist die Qubique. Dahinter verbirgt sich eine Messe, die eine exklusive Auswahl Design-orientierter Möbelunternehmen präsentieren will, und die vor allem aus einem Grunde an diesem Ort geplant ist: „Weil das Gelände mitten in der derzeit hipsten Stadt liegt und infrastrukturell die ideale Position für eine solche Messe bietet,“ erklärt Ulrich Weingärtner. Zusammen mit Matthias Schmidt und Ruben Hutschemaekers hat er sich zum Ziel gesetzt über 100 Aussteller in die Stadt zu holen. Diese sollen kein Abbild der Berliner Designlandschaft sein, denn, wie Schmidt sagt: „In Berlin wird viel designt, aber die produzierenden Gewerbe und das Geld sitzen woanders.“ Die Aussteller müssen über das Prototyp-Stadium hinaus sein. Zwar sollen auch kleine – vor allem handwerklich ausgerichtete – Firmen dabei sein, Bedingung ist aber, dass die gezeigten Möbel lieferbar sind. So sollen den Kern der Veranstaltung die großen, internationalen Marken bilden. Zugänglich soll die Qubique sowohl für Fachpublikum als auch für interessierte Laien sein. Die Messemacher haben klare unternehmerische Ziele: Um ihre Existenz zu sichern, müssen sie eine Relevanz am Markt erreichen und dafür müssen sie die richtigen Menschen auf die Veranstaltung holen. „In der Landschaft der internationalen Möbelmessen hat sich seit Jahrzehnten nichts nachhaltig verändert, da ist es an der Zeit ein neues Format zu entwickeln“, sagt Schmidt. Und für dieses, da ist er überzeugt, existiert eine riesige Zielgruppe. Die Qubique soll kein weiterer lästiger Pflichttermin werden, sondern Spaß machen – und gut aussehen. Schmidt weiß, wovon er spricht. Zusammen mit Ulrich Weingärtner war er einige Jahre für die Modemesse Bread & Butter tätig, der es gelang, eine Messe in ein Event zu verwandeln, ein lautes, gigantisches Spektakel, auf dem die Branche sich selbst feiert. All das sind ehrgeizige Ziele. Werden sie erreicht, könnte der Designstandort Berlin insgesamt profitieren, auch der Autorendesigner. Wenn sich internationale Hersteller, Händler, Architekten und Trendscouts regelmäßig in Berlin einfinden, könnte ihm der Anschluss ans Business erleichtert werden.
TEXT: BETTINA HOMANN UND http://www.franziskakluen.de”>FRANZISKA KLÜN

FOTO: BETTINA HOMANN