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Die Regenbogen-Medizin

Junge Frauen, die mit ihren Schlabberhosen, bedeutungsvollen Tattoos und Federn im zerzausten Haar aussehen wie direkt von einer Vollmondparty am thailändischen Strand. Männer in Jeans. Eine ältere Dame, sorgfältig geschminkt, mit Kaschmircape. Etwa vierzig Menschen sitzen erwartungsvoll in großem Kreis, sie sind gekommen, um gemeinsam eine Kakao-Zeremonie zu begehen. Die Sonne fällt durch die großen Scheiben auf den schwarzen Linoleumboden, auf dem sonst Tanzperformances geprobt werden.
In der Mitte des Kreises steht ein Arrangement aus Kerzen und Blumen.
Auf einer bunten Decke sitzt Zeremonienmeisterin Serap Kara. Die braunen Locken fallen ihr über die zarten Schultern, in ihrem dunkelblauen Kleid sieht sie elegant aus, es
fällt nicht schwer, sie sich in der Welt teuren Schmucks vorzustellen, in der sie früher tätig war. Vor sich hat Serap eine Klangschale, ein Tamburin und den Star der Veranstaltung: einen großen Topf voll Kakao.

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Zur Einführung spricht sie vom Bewusstsein der Pflanzen, erinnert daran, was frühere Kulturen wussten und wir vergessen haben: dass Pflanzen, wie alle Lebewesen, eine Seele haben. Und dass die ‚Devas’ , die Götter oder Geister der Pflanzen, den Menschen im Grunde wohl gesonnen sind.

Aus wissenschaftlicher Perspektive ist das Quatsch, weil nicht zu beweisen. Allerdings bedeutet die wissenschaftliche Herangehensweise eine freiwillige Selbstbeschränkung menschlicher Möglichkeiten und Fähigkeiten. Und es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Objektivierung der Natur zu ihrer Ausbeutung und Zerstörung geführt hat, zu einem Absägen des Astes, auf dem wir sitzen. Man kann sich also die Frage stellen, ob eine Betrachtungsweise der Welt alleinige Geltung beanspruchen darf, die dazu führt, dass wir sukzessive unsere eigene Lebensgrundlage zerstören.

Serap beschreibt ein Erweckungserlebnis, das sie vor sieben Jahren hatte. Nachdem sie ein großes Stück roher Schokolade gegessen hatte, lag sie auf dem Bett und hörte eine Art inneren Dialog. „Mir wurde ein sozioökonomisches Komplettbild zum Thema Kakao übermittelt. Ich habe zunächst gar nicht verstanden, wovon da die Rede war.“ Aber ihr Interesse war geweckt und ließ sie von da an nicht mehr los. Sie las, forschte, wurde zur Expertin, verteilte wo sie ging und stand Kakao-Bohnen und Wissenshäppchen, so dass Freunde ihr schließlich den Titel „Cacao-Mama“ verliehen. Sie nahm ihn an, da sie spürte, dass die in Südamerika beheimatete Pflanze sie zur Botschafterin erwählt hatte. Schließlich gab sie ihren Job in der Luxus-Schmuck-Industrie auf, entwickelte Zeremonien, Produkte und gibt gut besuchte Seminare in der ganzen Welt. Zurzeit schreibt sie an einem Buch.

Eine Kakao-Zeremonie ist eine Feier der Gemeinschaft. Das Ritual des gemeinsamen Schokolade-Trinkens pflegten schon die Azteken und Mayas. Nach Überlieferung der Mayas ist die Kakaopflanze göttlichen Ursprungs. Der Kakao, so besagt der Mythos, spüre, wenn das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur verloren geht. Dann komme er aus dem Regenwald und bringe dem Planeten wieder Harmonie. Serap hält das für möglich. Und die vielen Menschen, die in den Großstädten zu Kakao-Zeremonien strömen, zeugen von der Sehnsucht nach dieser Harmonie.

Bevor das Göttergetränk ausgeschenkt wird, geht eine Kakaoschote von Hand zu Hand und jeder sagt in einem Wort, was er verwirklichen möchte. „Balance“ heißt es, „Hingabe“ und immer wieder „Liebe“.

Endlich holt sich jeder seine Tasse voll des stark duftenden Tranks. Viele halten sie in beiden Händen wie ein kostbares Geschenk. Als alle versorgt sind, wird getrunken. Dickflüssig und leicht bitter kratzt jeder Schlick ein wenig in der Kehle. Mit dem süßen Kindergetränk hat das hier wenig zu tun. Der Rohkakao wird mit Wasser zubereitet und nur leicht mit Kokosblütenzucker gesüßt. Serap gibt noch ein wenig Chili und Zimt hinzu.
Auch in der eher wissenschaftlich als esoterisch ausgerichteten Suoperfood-Szene gilt Kakao aufgrund der hohen Konzentration an Anitoxidantien, Spurenelemente und Mineralien als Wundermittel. Theobromin und Tyrosin wirken stimmungsaufhellend und euphorisierend. Anandamid, chemisch verwandt mit dem in Cannabis enthaltenen THC, erzeugt das Gefühl schwebender Leichtigkeit.
„Relax into your being“, fordert Serap die Teilnehmer mit sanfter Stimme auf, die es sich bequem machen für eine gut einstündige geführte Meditation. „Ich lade euch ein, euren inneren Raum zu betreten.“ Ihre Zeremonien sind ruhig und nach innen gerichtet, Gelegenheiten, einzutauchen und zu spüren.
Es folgt, von rhythmischen Trommelschlägen und sanften Anweisungen begleitet, eine für jeden ganz eigene Reise ins Innere. Gelegentlich tönt ein Seufzer durch den Raum, manchmal leiser Gesang, zu dem sich nach und nach mehrere Stimmen vereinen.

Kakao-Zeremonien werden sehr unterschiedlich begangen. Überliefertes Wissen dazu gibt es kaum. Von Berlin bis New York werden auf Kuschelpartys oder „Ecstatic Dance“-Veranstaltungen Kakao-Rituale gepflegt. „Es geht darum, mal das Gehirn ruhen zu lassen, sich zu öffnen und zu schauen: wie fühle ich mich eigentlich?“ sagt Serap. Kakao ist sie überzeugt, unterstützt Kreativität, Massage und Körperarbeit. Außerdem unterstützt er Partys.

Es gibt ein Feierpublikum, das auf der Suche nach Gemeinschaftserlebnissen jenseits von Drogen und Alkohol ist. Dazu gehören offenbar auch die Gattinnen der Rolling Stones Mitglieder Charlie Watts und Ron Wood. Sie sollen es gewesen sein, die den belgischen Chocolatier Dominique Persoone dazu inspirierten, eine schnupfbare Kakao-Variante zu entwickeln, die er seither – inklusive passendem Schnupfgerät – verkauft wie warme Semmeln. „So muss es sich 1988 ein Rave angefühlt haben, wenn alle gleichzeitig Ecstasy-Pillen nahmen“, beschreibt die englische Bloggerin Jessica Brinton begeistert eine Kakao-Party und prognostiziert gar, dass wir bald eine „Revolution der Liebe“ erleben werden.
Tatsächlich erzeugt das in der Pflanze enthaltene Epicatechin, das die Gefäße erweitert, bei vielen das Gefühl, dass das Herz warm und weit wird.
Die Sehnsucht nach liebevoller Verbindung stellt auch Serap Kara fest. „Wir haben uns abgeschnitten von den oberen und unteren Welten“, sagt sie. „Es gibt für uns keine Mutter Erde und keinen Vater Himmel mehr. Daher fühlen sich viele Menschen sehr isoliert.“

Sanft beendet Serap die meditative Reise, die Teilnehmer richten sich blinzelnd auf.
„Kakao“, erzählt sie zum Abschied, „wird auch Regenbogen-Medizin genannt, weil er Menschen über die Grenzen von Kultur, Geschlecht, Religion und Sprache hinaus verbindet.“ Die vielen innigen Umarmungen und selig lächelnden Gesichter in der Runde scheinen das zu belegen.