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Ein Mann, der niemals die Geduld verliert

Theresa saß mit dem Rücken gegen die hölzerne Wand der Schiffshütte gelehnt. Sie dachte: „Ein Mann, der niemals die Geduld verliert.“ Sie lauschte auf das schmatzende Geräusch, das die Wellen machen, wenn sie gegen die Pfosten schlagen, aber da war nichts. Es war ganz still. Der See rührte sich nicht. Vielleicht würde er doch noch zufrieren vor Weihnachten. Es war kälter geworden. Theresa zog den Lodenmantel fester über der Brust zusammen. Ein Geschenk der alten Dame in ihrem ersten Jahr hier. Sie konnte damals noch selbst einkaufen gehen. Das richtige Kleidungsstück für eine Gegend, in der viel Regen fiel. Früher, zu Hause, hätte sie für so einen Mantel kaum Verwendung gehabt. Aber das war lange her. Meist fror der See erst im Januar zu. Dass die Kinder zu Weihnachten schon Eislaufen konnten, war selten. Der Schnee lag hoch. Drüben auf der Skipiste hatten sie die einzige große Tanne, die dort noch stand, mit Lichtern geschmückt wie jedes Jahr. Jetzt im Dunkeln war das schön. Tagsüber, fand Theresa, sah die baumlose Schneise, die sich den Berg hinunter zog, aus wie eine Narbe. Oben im Haus gab es viel zu tun. Morgen würden die Enkel mit ihren Familien anreisen, um im Haus der Großmutter Weihnachten zu feiern. Sie musste das zweite Babybettchen vom Dachboden holen und abwaschen. Christians Frau hatte wieder ein Kind bekommen, nur elf Monate nach dem ersten, so als hätten sie es eilig, die Anderen einzuholen. Theresa musste die Zimmer saugen, die Betten beziehen. Die vielen Zimmer mit Blick auf den See, die die meiste Zeit leer standen, die Möbel mit weißen Tüchern verhängt. Wie in einem Geisterhaus. „Ein viel zu großes Haus“, dachte Theresa, „die alte Frau und wir, sonst niemand.“ Mit den Plätzchen war sie heute fertig geworden, zehn große Dosen hatte sie angefüllt in den letzten Tagen, hatte viele Pakete Mehl verarbeitet, Puderzucker, Nüsse, Mandeln, Schokolade und Trockenfrüchte. Das ganze Haus roch nach Vanille, Zimt, Ingwer und Nelken. Es tat gut, hier zu sitzen. Es war so still, dass sie die Züge hören konnte, die gegenüber, am anderen Ufer des Sees, entlang fuhren. Die Züge und die Autos, die im Vorbeifahren den Schneematsch gegen die Mauer des Friedhofs schleuderten. Ein kleiner Friedhof am Hang mit schmiedeeisernen Kreuzen. Theresa kannte niemanden, der da lag. Manchmal, wenn sie hinüber schaute, fragte sie sich, ob das gut war oder schlecht. Im Sommer wimmelte es hier am Ufer von Kindern mit ihren orangefarbenen Schwimmflügeln, die in ihren kleinen Schlauchbooten paddelten. Und den Müttern, die bis zu den Knien im Wasser standen, redeten, rauchten, wenn sie es sich noch nicht abgewöhnt hatten, und gelegentlich eines der Kinder riefen: „ Nicht so weit hinaus.“ Badeanzüge mit Streifen, Blumen und Punkten trockneten auf dem warmen Holz und die bunten Plastikeimer lagen in der Wiese. Jetzt war es still und leer. Jakob hatte die Boote mit Planen abgedeckt und den Holzsteg aus dem Wasser gezogen. Theresa dachte: „Ein umsichtiger Mann, mit geschickten Händen“. Jakob kümmerte sich um das Haus und die Nebengebäude als gehörte es ihm. „Aber es gehört ihm nicht“, dachte Theresa, „ihm gehört nichts.“ Jakob war perfekt für diese Arbeit. Die Familie hätte niemand besseren finden können, er war ein Glücksfall, besonders jetzt, wo die alte Dame immer mehr Pflege brauchte. Deshalb hatten sie sich so dafür eingesetzt, dass er bleiben durfte und sie dazu. Sie hatte man in Kauf genommen, wohl oder übel, weil sie seine Frau war, auch wenn die Kinder Angst vor ihr hatten. Sie war ausgebildete Krankenschwester, aber sie war eine unduldsame Frau, deshalb hatte die alte Dame es lieber, wenn Jakob sich um sie kümmerte. „Jakob mit seinen sanften Händen“, dachte Theresa. Ihr sollte es recht sein. Jakob. Jetzt saß er oben in der Küche und baute eine Stadt aus Lebkuchen. Vor Jakob fürchtete sich niemand, die Kinder kletterten auf seinen Schoß und zogen an seinem Bart, der grau geworden war in den letzten Jahren. Dann lächelte er. Wenn sie hinauf sah zum Haus, konnte Theresa das gelbe Licht im Küchenfenster sehen. Die Küche war zu groß wie das ganze Haus. Es hatte hier immer Personal gegeben. Im letzten Jahr war der alten Herd durch einen elektrischen ersetzt worden, moderne Schränke waren eingebaut worden und eine Mikrowelle. Geld gab es genug in dieser Familie. Aber der Sohn kam nicht, auch nicht jetzt zu Weihnachten, ließ seine Mutter allein wie der Vater es getan hatte, damals im Krieg aus dem er nicht zurückkam, obwohl er nicht einmal verletzt wurde. Sie blieb allein, eine Fremde für immer, bis die Enkel Kinder bekamen und sich an das große Haus erinnerten, an den See und die Berge. Theresa fror, aber sie blieb sitzen. Sie schaute auf die glatte Fläche des Sees. Den See hatte sie gern. Sie dachte: „Ein Mann, der Kathedralen aus Lebkuchen baut.“ Die Familie würde lachen und sagen: „Jakob, dieses Jahr haben sie sich wirklich selbst übertroffen.“ „Das Wichtigste “, hatte er ihr beim Frühstück erklärt, „ist der Zuckerguss. Er muss mit Eischnee gemacht werden, nicht mit Wasser. Wenn man ihn mit Wasser macht, hält er nicht.“ Über solche Dinge sprach er. Dreimal letzte Nacht hatte er der alten Frau das Bett frisch gemacht. Wahrscheinlich gelächelt dabei. Hatte sie sanft aufgehoben, ihr ein frisches Nachthemd angezogen, vor ihm schämte sie sich nicht, hatte dabei leise mit ihr gesprochen. Währenddessen lag Theresa wach und ihr Gesicht wurde ganz hart. Sie war wütend, als er zurückkam. „Du musst ihr Windeln anziehen, ob sie will oder nicht. Gibt die große Dame und macht sich in die Hosen wie ein Kleinkind. Babys fragt man auch nicht, ob es ihnen genehm ist, Windeln zu tragen.“ Er hatte sich auf das Bett gesetzt und geseufzt, sein massiger Körper war in sich zusammen gesackt. „Ach Theresa, es macht mir doch nichts aus“, sagte er und seine tiefe Stimme war sehr leise, „ Ich tue es doch gern.“ Dann hatte er unter der Decke nach ihrer Hand getastet. Es war sehr kalt im Zimmer, weil sie nachts den Ofen ausgehen ließen. Aber sie hatte die Hand weg gezogen und sich zur Wand gedreht. Theresas Atem dampfte in der kalten Luft. Sie schaute auf den schwarzen Spiegel des Sees und dachte: „Ein Mann, der so etwas gern tut. Ein Mann wie ein Idiot“ Jetzt wurde es wirklich zu kalt und Theresa stand seufzend auf. Sie stapfte mit ihren schweren Winterstiefeln über die harte, schneebedeckte Wiese am Ufer und dann den kleinen Kiesweg hinauf zum Haus. Im Sommer war der Weg von blühenden Rosen gesäumt, aber jetzt waren die Büsche karg. Jetzt blühte nichts mehr. Sie ging die Stufen hinauf und durch die Terrassentür ins Haus. Als sie die Stiefel auszog, kam die Katze und rieb sich an ihren Beinen. Im letzten Sommer war die Katze aufgetaucht, Theresa wusste nicht woher, sie hatte einfach in der Küche gestanden, ein großes Tier mit rötlich-braunem Fell, und sie angeschaut. Irgendetwas war seltsam an diesem Blick, aber Theresa kam nicht dahinter, was es war. Theresa hatte ihr etwas zu Essen gegeben und sie war geblieben. In der Küche brannte Licht, aber Jakob war nicht da. Auf dem großen Tisch standen acht Lebkuchenhäuser, für jedes Kind eines. Jedes Haus sah anders aus. Es gab spitze und flache Dächer, Balkone und Dachterrassen, Bordüren aus Zuckerperlen und Erker aus bunten Schokolinsen. Sogar für das Baby hatte er ein Haus gemacht, ein ganz kleines, verziert mit rosa Zuckerguss. Außerdem gab es eine Schule und eine Kirche. Im Turm hing eine Glocke aus Schokolade, die man durch das Fenster sehen konnte. Theresa sah all das, aber sie lächelte nicht. Sie dachte: „Ein Mann, sanft wie ein Lamm.“ Theresa fing an aufzuräumen. Die Katze war ihr gefolgt und leckte Zuckerguss von den Bodenfliesen. Der Tisch war verschmiert, Backpinsel, Löffel und schmutzige Schüsseln standen herum. Theresa räumte gerne auf. Sie genoss die Handgriffe, von denen jeder einzelne sinnvoll war. Sie genoss den beruhigenden Anblick der leeren und sauberen Flächen, das Wissen um die Vielfalt von Geschirr und Geräten, die in den Schränken auf ihrem Platz standen. Als sie fertig war, kochte sie sich einen Pfefferminztee und trug die dampfende Tasse die Treppe hinauf. Die Zimmertür der alten Dame war nur angelehnt. Als sie vorbei ging, konnte Theresa ihr Lachen hören, hell wie das eines Mädchens. Aber sie hatte auch so gewusst, dass Jakob bei ihr saß. In ihrem Zimmer zog Theresa die Vorhänge zu und legte ein Holzscheit nach. Sie würden viel Holz brauchen, wenn es so kalt blieb. Jakob hatte dafür gesorgt, dass der Schuppen gut gefüllt war. Theresa dachte: „Ein Mann, der für alles sorgt.“ Sie wusch sich am Waschbecken Hände und Gesicht, legte sich ins Bett und trank ihren Tee. Die Socken behielt sie an. Die Katze sah zu ihr herauf mit ihrem rätselhaften Blick und Theresa überlegte, ob sie sie zu sich ins Bett holen sollte. Jakob kam nicht, er schlief wenig. Manche Nächte ging er überhaupt nicht ins Bett. Dafür sackte ihm tagsüber, wenn er irgendwo saß, regelmäßig der Kopf auf die Brust, der Mund öffnete sich und er schnarchte leise. Wenn Theresa ihn dann ansprach, öffnete er verwirrt die Augen und sah sie an. Als sie aufwachte, konnte sie an dem zerdrückten Kissen sehen, dass er neben ihr gelegen hatte, aber sie hatte ihn nicht bemerkt. Er hatte Feuer im Ofen gemacht, ganz leise, während sie noch schlief. Als sie ihn geheiratet hatte, war Sommer gewesen. Ihre Tante hatte ihr einen Kranz aus Wiesenblumen gemacht, den sie auf dem Kopf trug. Das hatte schön ausgesehen zu ihren dunklen Haaren, die lang waren damals, und zu ihrem weißen Kleid. Sie hatte den Kranz in einen Suppenteller mit Wasser gelegt, aber er war trotzdem verwelkt gewesen am nächsten Morgen. Theresa wusste, dass Jakob in den Wald gegangen war, um die Tanne zu schlagen. Er hatte sie schon vor Wochen ausgesucht. Einen dichten, sehr gerade gewachsenen Baum. Morgen Abend würden sie ihn mit Kerzen und feinem Goldlametta schmücken. Und mit Bonbons, die in buntes Seidenpapier gewickelt waren. Christina, Johannes Frau, brachte alles aus der Stadt mit. In ihrem ersten Jahr, als die Enkel noch nicht kamen, waren sie allein gewesen mit der alten Dame und Theresa hatte den Baum geschmückt, wie sie es von zu Hause kannte, mit roten Äpfeln, Strohsternen und weißen Kringeln aus Baiser, die sie selbst gemacht hatte. Zu diesem Weihnachten hatte sie den Lodenmantel bekommen. Sie erinnerte sich, dass sie sich unsicher gefühlt hatte damals, aber auch froh. So als finge sie etwas Neues an.   Theresa stand auf und ging zum Fenster. Das Zimmer ging nach Norden, von hier aus konnte sie den See nicht sehen, sondern nur den Park und weiter hinten die Straße, die ins Dorf führte. Der Himmel war klar und blau und die Zweige der Bäume weiß vereist. Als sie in der Küche Kaffee trank und sich eine Liste der Dinge machte, die sie noch einkaufen musste, kam die Katze herein. Theresa beachtete sie nicht und erst als sie sie anstieß und ihr das kleine graue Bündel vor die Füße warf, schaute sie genauer hin. Vor ihr lag eine tote Maus, den Kopf verdreht, das Fell blutverschmiert. Theresa starrte sie an. Die Katze hatte ein paar Schritte zurück gemacht und beobachtete Theresa aus sicherer Entfernung. Theresa wusste, dass Katzen so etwas tun. Aber diese Maus war so winzig, fast noch ein Baby. Sie stand auf, wickelte das tote Tier in ein Papiertuch und warf es in den Müll. Dann zog sie ihre Stiefel und ihren Mantel an, nahm den Einkaufskorb und ging ins Dorf. Der Schnee knirschte unter ihren Schritten. Im den Geschäften kannten sie ihren Namen. Sie hätte anschreiben lassen können, jeder wusste, wer sie war. Aber das tat sie nie, sie bezahlte immer gleich. Sechs Jahre waren sie jetzt schon hier, seit dem Sommer, in dem der Unfall passiert war. Das Unglück. Damals war es gut, hier her zu kommen, in einen fremden Ort, in ein fremdes Haus. Es war, wie kein eigenes Leben mehr haben. Anfangs bekamen sie Briefe von zu Hause, aber sie beantworteten sie nicht und bald bekamen sie keine mehr. Theresa dachte: „Sie sind froh, dass sie uns los sind.“ So als klebte das Unglück an ihren Fingern wie das schwarze Pech mit dem Jakob die Boote abdichtete. Als sie zurückkam, kochte Theresa Suppe und frischen Tee und trug beides auf einem Tablett nach oben. Füttern sollte er sie, dafür hatte sie keine Geduld. Beim Hinausgehen bückte sie sich, um die nassen Laken vom Boden aufzuheben und hatte dabei das Gefühl, dass die Katze sie vom Flur her beobachtete. Sie ging in die Küche und fing mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsessen an. Sie rieb Orangenschalen ab für die dunkle Sauce, die es zum Braten geben sollte dann putzte sie die Champignons und stellte sie in einer Schüssel bereit. Als sie den Wagen hörte, wischte sie sich die Hände an der Schürze ab und ging nach draußen. Die Silhouette der Berge hob sich wie ein Scherenschnitt gegen den Himmel ab, der sich im Abenddämmer rosa färbte. Die ersten Sterne waren schon zu sehen. Johannes dunkelblauer Jeep hielt am Fuß der großen Treppe. Die Tür ging auf und sofort setzte der Lärm ein. Theresa hörte die Stimme der fünfjährigen Lisa: „Mami, sag ihnen, dass mich nicht ärgern dürfen.“ Die Zwillinge, beide sechs, rasten an Theresa vorbei ins Haus, die Schwester schreiend hinterher: „Gebt das sofort zurück.“ Die Stimme von Christina, ihrer Mutter klang schrill, als sie ihnen nachrief: „Wenn ihr nicht sofort aufhört zu streiten, kommt kein Christkind.“ Dann gab sie Theresa die Hand. Ihr Händedruck war kraftlos, das Gesicht fahl und die blauen Augen lagen tief in ihren Höhlen. Die langen dunklen Haare hatte sie zum Zopf gebunden. Vier Kinder in vier Jahren. Sie drückte Theresa einen Korb mit angebissenen Broten, Spielzeug und nassen Waschlappen in die Hand. „Grüß Gott Theresa“, Johannes kam auf sie zu und sie bemerkte, dass sein blondes Haar am Oberkopf dünn wurde, „wie geht es der Großmama?“ „Ich denke, es geht ihr gut“, sagte Theresa und dann fiel ihr Blick auf den Kleinen. Er stand ganz dicht am Auto, die wollene Mütze tief ins Gesicht gezogen, sein schmutziges Plüschschaf umklammert und starrte sie an. Seine Augen waren nicht blau wie die seiner Eltern und Geschwister, sondern dunkel, fast schwarz, genau wie die, die Theresas Junge gehabt hatte. Das Kind stand und rührte sich nicht. „Aber Max, du brauchst doch keine Angst zu haben. Das ist doch nur Theresa“, sagte sein Vater zu ihm, „na komm, geh ins Haus. Die Urgroßmutter wartet schon.“ Aber der Kleine bewegte sich nicht. Johannes seufzte, stellte den Koffer ab, den er in der Hand hatte, und nahm seinen Sohn auf den Arm. Im Flur lagen die Jacken und Schuhe der Kinder auf dem Boden. Jakob stand mitten im Raum und drehte sich im Kreis wie ein Karussell, an jedem Arm einen der Jungen, die vor Begeisterung kreischten. Als er Theresa hereinkommen sah, setzte er die Jungen ab und lief auf sie zu. Sein Gesicht war gerötet und er lachte, als er sie hoch hob und durch die Luft drehte, genau wie er es früher mit seinem Sohn gemacht hatte. Einen Moment lang kam es Theresa vor, als wäre sie ganz leicht, als hätte Jakob gar keine Mühe sie zu tragen, sie zu drehen wie zu einer fröhlichen Melodie. Aber der Moment ging vorbei und sie machte sich los. „Lass mich“, sagte sie, „du tust mir weh.“ Etwas später kam Thomas mit seinen Töchtern und seiner dünnen blonden Frau, deren Namen sich Theresa nicht merken konnte. Lisa stürzte sich auf ihre Cousine. „Mami, ich will mit Marie im Zimmer schlafen, Mami darf ich mit Marie schlafen?“ Christina küsste ihre Schwägerin auf die Wange. „Aber nur, wenn ihr versprecht, dass ihr nicht wieder die halbe Nacht aufbleibt.“ Die beiden Mädchen rannten Hand in Hand die Treppe hinauf. „Morgen kommt das Christkind, morgen kommt das Christkind“, sangen sie laut. Als letzter kam Christian, auf jedem Arm ein Baby und füllte das Treppenhaus mit seinem lauten Lachen und seinen polternden Schritten. Theresa trug Taschen in die Schlafzimmer, hängte Jacken auf und räumte Spielzeuge aus dem Weg. Sie machte Würstchen heiß für die Kinder, die in der Küche aßen. Später, als sie den Mädchen, die nicht einschlafen konnten, warme Milch ans Bett brachte, sah sie, dass Jakob einzelne Goldlametta-Fäden auf die Kopfkissen gelegt hatte. Jakob stellte den Baum im Wohnzimmer auf und Christina holte die Kiste mit dem Schmuck aus dem Auto. Johannes stand mit Christian in der Küche und kochte Punsch. Christian schüttete einen großen Schluck Rum hinein. „Schließlich sind wir nicht zum Vergnügen hier“, sagte er und lachte. Die alte Dame lag auf dem Sofa, von Kissen gestützt und in eine karierte Wolldecke gewickelt. Sie hatte ihre Haare sorgfältig frisiert, ihre Wangen röteten sich vom Punsch und sie gab Anweisungen zum Schmücken des Baumes. „Thomas, doch noch nicht die Kerzen, die Kerzen kommen immer zum Schluss.“ Theresa ging in ihr Zimmer. Am nächsten Morgen erwachte sie von Kinderstimmen und lautem Poltern. Im Zimmer war es noch dunkel. Als sie die Augen aufmachte, rannten die Kinder halb lachend halb ängstlich kreischend davon. Sie hatten den großen Reisigbesen, mit dem sie den Schnee von der Treppe kehrte, von draußen herein geschleppt und neben ihr Bett gestellt. Mit Klebstreifen war ein Zettel daran befestigt, auf dem stand: „Theresa ist eine Hexe.“ Erst als sie sich aufsetzte, bemerkte sie, dass Max noch in der Tür stand, im Schlafanzug, mit nackten Füßen, den Schnuller im Mund. Ruhig schaute er sie an mit seinen großen dunklen Augen. Da kam seine Schwester zurück. „Max, komm weg hier, sonst frisst sie dich.“ Sie lachte und zog ihn so eilig weg, dass ihm das Plüschschaf herunter fiel, das er in der Hand gehalten hatte. Als hätte sie genau auf diesen Moment gewartet, huschte die Katze aus dem dunklen Flur herein und schlug ihre Zähne in das Kuscheltier. Theresa sprang auf. „Lass das sofort los. Verschwinde hier,“ schrie sie die Katze an und stieß sie mit dem Fuß weg. Dann hob sie das Spielzeug auf, strich sanft mit der Hand darüber und legte es auf ihr Bett. Später stand sie am Küchenfenster und schaute hinaus. Heiligabend. Wieder war das Wetter klar und kalt. Sie dachte daran, wie sie als Kind am Heiligabend vor der verschlossenen Wohnzimmertür gestanden hatte und auf die Geräusche dahinter lauschte. Sie versuchte, sich an Aufregung und Vorfreude zu erinnern. Die Sonne ließ die Schneedecke glitzern als wäre sie mit winzigen Glassplittern übersät. Die Berge lagen hinter einem weißen Dunstschleier. Der See war tatsächlich mit einer Eisschicht bedeckt, in der die Boje, an der im Sommer das Segelboot lag, feststeckte wie ein großer roter Luftballon. Theresa sah die Kinder, die mit ihren Müttern am Ufer im Schnee herumtobten. Die Zwillinge warfen Steine hinaus auf das Eis und Lisa und Marie versuchten, große Schneekugeln für einen Schneemann zu rollen. Etwas abseits stand der kleine Max in seinem dicken hellblauen Schneeanzug. Theresa sah die großen Eiszapfen, die vom Dach der Schiffshütte hingen wie gläserne Dolche. Sie ging in die Speisekammer, holte Kartoffeln und fing an zu schälen. Gelegentlich hielt sie inne und schaute hinaus. Sie sah wie Max den Arm hob und nach draußen auf die Boje zeigte. Offenbar rief er etwas, aber sie konnte ihn nicht hören. Auch sonst achtete keiner auf ihn. Die beiden Frauen waren dabei ihren Töchtern mit den Schneekugeln zu helfen, die immer wieder auseinander brachen. Theresa füllte einen großen Topf mit Wasser und zündete die Gasflamme an. Der Kleine ging näher zum Rand des Sees und stupste mit dem Fuß auf das Eis. „Ein Kind“, dachte Theresa, „kommt so leicht zu Schaden.“ Dann zog sie das große Messer aus dem Block und fing an, die Kartoffeln in Stücke zu schneiden. Ein paar tapsige kleine Schritte war er jetzt schon hinausgestapft. Das Eis war nur eine Nacht alt, höchstens zwei. „Es kann nicht viel tragen“, dachte Theresa. Als sie mit den Kartoffeln fertig war, kamen die Karotten an die Reihe, sie hatte noch einiges zu tun bis zum Abend. Der Junge war jetzt schon an der Schiffshütte vorbei. Theresa sah die Eiche, unter der man im Sommer, wenn es heiß war, Schatten fand, sie sah an den Zweigen die braunen Blätter, eingerollt wie verschrumpelte leere Hüllen. Sie haben ihr ihren Sohn vor die Füße gelegt wie eine Beute. „Es tut uns leid“, hat jemand gesagt und dann hatten sie es eilig zu verschwinden. Um ihren Schrei nicht zu hören. Es gab Stellen, das wusste Theresa, wo das Eis nie fest wurde, weil Gase aufstiegen vom Grund des Sees und das Wasser erwärmten. Tagelang hörte sie nicht auf zu schreien bis ihre Stimme brüchig war. „Niemand konnte etwas dafür“, haben sie gesagt. „Er hat versucht zu klettern, er ist abgerutscht.“ Theresa sah das Kind auf dem Eis und dachte: „Wo warst du da, Jakob? Sie dachte: „Ein Mann, der sich immer um alles kümmert.“ Hierfür wird jemand etwas können. Die Frau, die dort hinten steht, die Hände voll Schnee und lacht, wie sie nie wieder lachen wird, die so viele Kinder hat, dass sie nicht richtig aufpassen kann. Theresa hatte nur eines gehabt. Ein einziges. Sie nahm eine Karotte und schnitt. Sie schnitt schnell mit dem scharfen Messer, sie hatte Routine, konnte es fast ohne hinzusehen. Ungefähr zwanzig Meter war der Junge in seinem hellblauen Schneeanzug nun schon hinausgegangen mit wackeligen Schritten. Die eiserne Spitze des Zaunes mitten ins Herz, aber sein Gesicht war unversehrt gewesen, er hatte ausgesehen, als schliefe er. „Er hat nicht gelitten“, hatte jemand gesagt. „Es ging wohl sehr schnell.“ „Drei Minuten im eiskalten Wasser, vielleicht vier, das ist keine sehr lange Zeit“, dachte Theresa. Max machte noch einen Schritt auf die Stelle zu, wo das Eis feucht war, wo es nicht trug. Das Messer rutschte ab und ein scharfer Schmerz durchzuckte Theresas Zeigefinger. Sie schaute hinunter und sah erstaunt auf die blutige Klinge. Als sie den Kopf wieder hob, den verletzten Finger im Mund, war der Junge eingebrochen. Nur noch die Kapuze seines Schneeanzuges war zu sehen, ein zartblauer Farbtupfer auf der großen weißen Fläche. Fast im selben Augenblick sah Theresa Jakob aus den Büschen am Ufer stürzen, hinaus auf das viel zu dünne Eis. Bei jedem Schritt brach er ein und doch schien es als flöge er, als bräuchte er keine Zeit, bis er bei dem Kind war und es, inzwischen selbst bis zur Brust im Wasser, zwischen den Eisschollen heraus zog. Er presste den schlaffen kleinen Körper gegen seinen eigenen und watete zum Ufer zurück. Theresa schaute auf den großen massigen Mann mit dem Kind im Arm und auf einmal sah es mühsam aus, als würde er gleich unter seiner schweren Last zusammenbrechen. Und Jakobs Blick ging über die Wiese, auf der im Sommer Klee wuchs und Kornblumen. Über die Wiese, die er immer sorgfältig mähte, damit sich keine Bienen versteckten und die Kinder in ihre nackten weichen Füße stachen, und die jetzt ganz gelb und tot unter dem Schnee lag. Sein Blick ging hinauf zum Küchenfenster hinter dem Theresa stand, regungslos, den metallischen Geschmack ihres eigenen Blutes im Mund. Jakob sah seine Frau am Fenster stehen und in dem Moment wusste er, dass sie ihn gesehen hatte. Dass sie ihn die ganze Zeit gesehen hatte.

FOTO: BETTINA HOMANN

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