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Entspannt unentspannt

Bereits als Kleinkind litt ich unter nervöser Unruhe. Bis heute erinnere ich mich an das endlose nächtliche Beobachten von Schatten an der Zimmerdecke und die Angst, die mich vor jeder Reise befiel und mich wünschen ließ, ich dürfte zuhause bleiben. Als ich aufwuchs, nahm ich die schwachen Nerven als gegeben hin. In meiner Wiener Großfamilie waren sie verbreitet und wurden als Ausweis von Intelligenz und Kultiviertheit angesehen. Auf das Leben mit Beunruhigung zu reagieren, schien durchaus angemessen, schließlich handelte es sich dabei, wie meine Mutter es ausdrückt, um einen „zweifelhaften Spaß.“
Alles änderte sich, als ich erwachsen wurde und auf die Versprechen des positiven Denkens stieß. Die Maxime „Glück ist eine Entscheidung “, die buddhistische Mönche und Psychologie-Professoren aus Harvard gleichermaßen verkündeten, berauschte mich. Es lag also bei mir, mich in einen entspannten, leichtlebigen, vielleicht sogar erleuchteten Menschen zu verwandeln? Begeistert stürzte ich mich in die Arbeit. Ich übte Bauchatmung und Sonnengrüße, besuchte Kurse für NLP und Selbstvergebung, las stapelweise Selbsthilfebücher, die alle die eine Botschaft verkündeten: Du musst nur genug wollen. Die Selbstoptimierung wurde mein wichtigstes Projekt. Ich quälte mich um halb sechs aus dem Bett, um mein Meditationsprogramm abzuarbeiten, bevor ich meinen Kindern Frühstück machte und war den ganzen Tag böse auf mich, wenn ich mich nicht hatte aufraffen können.
Mit der Zeit wurde ich ungeduldig: wieso wurde ich nicht endlich glücklich und gelassen? Bei allen anderen schien es doch auch zu funktionieren? Immer öfter ertappte ich mich dabei wie xy in F.P. großartigem „Buch der Unruhe“ jeden darum zu beneiden „nicht ich zu sein.“ Ich bemühte mich noch mehr, solange, bis ich eines Tages zusammenbrach. Nichts ging mehr. Nicht essen, nicht schlafen, nicht denken.
Ich ließ alles sein und versuchte nur noch, wie ein trockener Alkoholiker, einen Tag nach dem anderen einigermaßen glimpflich über die Bühne zu bringen. Nachdem ich offenbar keine Ahnung hatte, wie man richtig lebt, konnte ich auch aufhören, mich ständig anzustrengen. Eine lange Reihe von schlechten Tagen schaute ich einfach nur zu. Und übte mich im Aushalten. Dass es ist wie es ist. Dass ich bin wie ich bin.
Dann fing ich langsam von vorne an. Mit Yoga beispielsweise. Mit einer Reihe ganz einfacher Übungen, mit denen man in all den schicken Yogastudios garantiert niemanden beeindruckt und einer Lehrerin, die mich immer wieder daran erinnert, dass es nur darum geht, dass es sich für mich gut anfühlt. Wieso hat mir das früher niemand gesagt? Oder habe ich nur nicht zugehört?
An Tagen, an denen ich schon angespannt aufwache oder so schlechte Laune habe, dass ich am liebsten jemanden anschreien möchte, gehe ich nicht mehr als erstes mein Repertoire an super-effektiven Entspannungsübungen durch. Ich trinke meinen Tee und sage mir: aha, ich bin angespannt. So als wäre ich nicht schuld daran. So wie sich die dunklen Wolken vor dem Fenster anschaut. Und ich habe festgestellt, dass es sich unheimlich gut anfühlen kann, einfach ganz entspannt unentspannt zu sein.

Foto: Clarissa König (www.clarissakoenig.com)