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Gymnastik mit Glücksversprechen

Patricia Thielemann schlägt vor, man könnte sie die Jil Sander des Yoga nennen. Das passt. Die 44-Jährige mit den klassischen Zügen und den streng zurückgekämmten hellblonden Haaren strahlt hanseatische Zurückhaltung aus. Und wie die berühmte Modeschöpferin schätzt sie Schlichtheit und hohe Qualität. Nachdem sie in Los Angeles gelebt und dort erkannt hatte, dass ihre Berufung nicht in der Schauspielerei liegt, sondern im Yoga, beschloss sie, nach Deutschland zurückzukommen und hier ein Yogastudio zu eröffnen. Mit Spirit zog im Jahr 2004 der Lifestyle in die Berliner Yogawelt ein. Die Wände des Studios in den Rosenhöfen am Hackeschen Markt sind pinkfarben, das exotisch angehauchte Mobiliar hochwertig, durch die Glasfront fällt der Blick über die Dächer von Mitte bis zum Fernsehturm.

Nach zehn Jahren Kalifornien hatte Thielemann genug von der vielen heißen Luft, der „Gaukelei“ wie sie es nennt. Hier fand sie genau das Gegenstück zu Los Angeles, das sie gesucht hat. „Berlin ist eine ehrliche kritische Stadt, das gefällt mir, weil ich genau so bin.“ In ihrem Studio werden moderne, dynamische Yogaklassen geboten, begleitet von sanfter Musik und angereichert mit unaufdringlichen philosophischen Anregungen.

Das Unternehmen ist sehr erfolgreich: 2005 eröffnete die Spirit-Dependance in Charlottenburg, demnächst kommt eine weitere in Zehlendorf dazu, 70 Angestellte beschäftigt das Unternehmen inzwischen, 300 bis 400 Leute besuchen täglich einen der Kurse, internationale Gaststars wie der Erfinder Brian Kest, Erfinder des Power Yoga oder Gurmukh Kaur Khalsa, die bekannteste Vertreterin des Kundalini, geben sich die Klinke in die Hand.

Thielmann hat mit Spirit den Nerv der Neuen-Mitte-Gesellschaft getroffen. Während in früheren Jahrzehnten viele nach Berlin kamen, um es sich in alternativen Nischen bequem zu machen, manifestierte sich in den Nullerjahren eine Karriere-orientierte Kreativelite. Auf einmal zogen jede Menge Menschen zu, die schon mal eine Weile in New York gelebt, dort Madonna im Yogastudio getroffen hatten, und so etwas jetzt auch in Berlin wollten.

Yoga ist ein fester Bestandteil hippen urbanen Lebensstils geworden. Kaum eine Fernsehmoderatorin, Jungschauspielerin oder PR-Managerin, die nicht eine Designeryogamatte in handbestickter Tasche durch die Gegend trägt. Und kaum eine Woche, in der nicht ein neues Yogastudio eröffnet. Es gibt alles: akrobatisches Yoga, sanftes Yoga, Yoga in saunaartig geheizten Räumen, Yoga mit DJ, Bondage-Yoga mit Domina.

Dabei ist Yoga nicht irgendein Trend, sondern eine Antwort auf den ständig wachsenden Druck unter dem insbesondere Großstädter leiden. Das Leben hat sich enorm beschleunigt, jeder soll in immer weniger Zeit immer mehr bewältigen. Berlin bietet mehr Freiheiten als andere Städte, zieht Menschen mit großen Träumen an. Menschen, die den Wunsch haben, sich selbst zu erfinden und ihre Kreativität zum Beruf zu machen. Kreative mit hohem Selbstanspruch neigen mehr als andere zur Selbstausbeutung, ständig droht die Gefahr, an den eigenen Ansprüchen zu scheitern. Die Verantwortung fürs Glücklichsein lastet besonders schwer, wenn man scheinbar alle Möglichkeiten hat.

Bei so viel Druck erstaunt es nicht, dass immer mehr Menschen dringend nach Ausgleich und Entspannung suchen. „Wir schaffen einen Raum jenseits von all dem Wahnsinn da draußen, wo man hinkommt und sich aufs Wesentliche besinnt“, so Thielemann. Yoga bietet nicht nur ein ausgeklügeltes System von Körper- und Atemübungen, das Muskeln kräftigt und entspannt, den Stoffwechsel ausgleicht und die Regenerationsfähigkeit verbessert. Es bietet auch Lebenshilfe für Sinnsuchende. Weil alle Übungen letztlich ein Ziel haben: Selbstverwirklichung. Und die bedeutet im Sinne des Yoga: Einswerden mit der höheren Energie – wer mag, nennt sie Gott – die in jedem Menschen wirkt. „Selbst wenn in der Yogastunde nicht gepredigt wird“, sagt Thielemann, „fangen Menschen doch an, sich zu besinnen auf das, was für sie wesentlich ist. Es kommen schon verstärkt die, die eine gewisse Sensibilität haben, die darum ringen, leistungsfähig zu bleiben, aber dabei nicht in ihrem feineren Wesen zu verkümmern.“

Yoga bietet auch einen spirituellen Ansatz jenseits von Konfession, der vielen entgegen kommt, die keine Lust auf Kirche haben, aber dennoch das Gefühl, dass es im Leben um mehr gehen muss, als den Job zu bewältigen, die Kinder rechtzeitig vom Kindergarten zu holen und dabei möglichst gut gekleidet zu sein.

Yoga für ehrgeizige Großstädter


Wer sich eine Weile in der Berliner Yogaszene umtut, kommt an Moritz Ulrich nicht vorbei. Sein Ruf als „Berlins schönster Yogalehrer“ oder „Wunderkind“ eilt ihm voraus. Schon als Schüler beschäftigte er sich mit Yoga, studierte die alten Schriften, machte seine erste Yogalehrer-Ausbildung noch vor dem Abitur. Wer einmal erlebt hat, wie Schüler, die seine Eltern sein könnten, mit vor Rührung feuchten Augen aus seiner Stunde kommen ganz ohne dass es ihnen peinlich ist, ist geneigt, an Reinkarnation zu glauben: Ein paar vergangene Leben als Yogi würden die unaltersgemäße Weisheit erklären.

Wenn der 24-jährige Medizinstudent in seinen Stunden von Vergebung und Mitgeschöpflichkeit spricht, geht es zu Herzen und wirkt nicht, wie es auch gelegentlich vorkommt, ein wenig peinlich aufgesagt. Der „Spiritual Talk“ ist ihm wichtig. „Yoga“, sagt er, „bedeutet Einheit. Es geht dabei nicht nur um die Einheit von Körper, Geist und Seele, sondern auch um das Bewusstsein unserer Verbundenheit mit anderen Lebewesen.“

Ulrich ist „Advanced Jivamukti-Teacher“. „Jivamukti“ wurde von Sharon Gannon und David Life in New York erfunden und darf nur unter strenger Kontrolle der Gründer unterrichtet werden. Amerikanischer Markenyoga gewissermaßen. „Hot, hip and holy“ so der Claim des Stils, der sehr athletisch und immer von lauter Musik begleitet ist. Die Stunden bieten schweißtreibenden Workout und gelegentlich tiefe Emotion. Und sie bieten eine große Dichte knapp bekleideter gut trainierter Körper. Hier kann es schwer fallen, sich auf eines der wichtigsten Ziele des Yoga zu besinnen: Sein Ego hinter sich zu lassen und sich selbst so anzunehmen, wie man ist. „Jivamukti“, erklärt Ulrich, „wurde für New Yorker entwickelt, die sehr schnell, laut und ehrgeizig sind. Solche Großstadtmenschen muss man erstmal da abholen, wo sie sind und langsam zu mehr Ruhe führen.“

Zwei Jivamukti-Studios gibt es inzwischen in Berlin, das erste hat Ulrich gemeinsam mit Anja Kühnel 2008 gegründet, nach diversen Streitereien stieg er aus. So friedlich die Absichten des Yoga auch sind, ohne Streit und Konkurrenzkämpfe geht es doch nicht ab. Immerhin geht es für viele darum, sich im wachsenden Berliner Yogamarkt zu behaupten und ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Denn es wünschen sich immer mehr Yoga-Fans ihr Hobby zum Beruf zu machen. Fast alle Yogaschulen bieten eigene Ausbildungen an, bei Spirit Yoga sind für den im Januar 2012 beginnenden Kurs mit 35 Plätzen bereits über 100 Anmeldungen eingegangen.

„Es gibt inzwischen einen wirklich harten Kampf um Yogalehrer-Stellen“, sagt Ulrich, „wenn man damit sein Geld verdienen muss, kann es schwierig sein, diesen Druck aus dem Unterricht rauszuhalten.“

Menschen Zutrauen zu sich selber vermitteln


Der Yogaboom führt dazu, dass viele der angehenden Lehrer viel zu eilig und zu wenig fundiert ausgebildet werden, findet Anna Trökes. Die wohl bekannteste Yogalehrerin Deutschlands unterrichtet seit 37 Jahren in Berlin, sitzt seit 29 Jahren im Ausbildungsbeirat des Bundes Deutscher Yogalehrer (BDY) und hat über 20 Yogabücher geschrieben, die in viele Sprachen übersetzt wurden. „Es geht im Yoga um den Körper und den Geist des Menschen, das ist ein komplexer Stoff, dafür braucht man Zeit“, sagt die 59-Jährige. Sie selbst hat fast zehn Jahre gebraucht bis sie von ihrem Studio, das sie 1977 in einem Charlottenburger Hinterhof eröffnet hat, leben konnte. So lange ist sie Taxi gefahren, hat „auf dem Bock gesessen“, wie sie es ausdrückt. Als Taxifahrerin kann man sie sich durchaus vorstellen. Mit ihren blonden Wuschellocken und den Lachfältchen um die strahlend blauen Augen wirkt sie sympathisch bodenständig.

Sie sitzt in einem der Korbstühle im Eingangsbereich ihres Yogastudios. Es riecht nach Kaffee, in den Regalen aus hellem Holz findet man Yogaliteratur und bunte Meditationskissen. Es habe sich im Yoga schon enorm viel verändert in den letzten Jahren, sagt sie. Allein die Art zu unterrichten: „Yoga Flow“, in dem eine Haltung in schneller Folge in die nächste übergeht, gab es früher ebenso wenig wie Musikbegleitung. „Das kam erst durch die Fitnesswelle.“ Und die Yogamatte als Lifestyle-Accessoire gab es auch nicht. „Es war alles sehr zurückgezogen.“ Langsam trudeln die Schülerinnen für ihre Yogaklasse ein, Trökes begrüßt jede freundlich, die meisten mit Namen. Viele sind nicht mehr jung und Modelmaße hat auch kaum eine. „Die größte Freude habe ich daran“, sagt sie, „Menschen Zutrauen zu sich selber zu vermitteln, sie darin zu bestärken, sich richtig zu fühlen so wie sie sind. Es ist nicht günstig, wenn im Yogaunterricht der gleiche Druck herrscht wie im Arbeitsleben.“

„Schon interessant zu sehen, wie schnell sich Menschen mit Yoga verändern“

Im Sivananda Yogazentrum in Friedenau herrscht eine angenehme Stille, die nicht nur von der Abwesenheit von Lärm herrührt. Mit den von orange-farbenen Tüchern verhüllten Sofas, Teppichboden und Räucherstäbchenduft hat der Raum den Charme einer 80er Jahre Wohngemeinschaft, selbst der große Topf Suppe auf der Warmhalteplatte fehlt nicht.

Dass es hier so friedlich ist liegt daran, dass das 1996 eröffnete Zentrum nicht einfach eine Yogaschule ist, sondern eine spirituelle Lebensgemeinschaft. Unter der Leitung von Swami Atmaramananda leben hier fünf Menschen in einer Art Klostergemeinschaft mit Bildungsauftrag. Die Übungen, die unterrichtet werden, sind im Wesentlichen die, die über Jahrhunderte in den Höhlen des Himalaya von einem Weisen an den nächsten weiter gegeben wurden. Körper- und Atemübungen, Mantra-Singen, Philosophie und Meditation werden gelehrt, spirituelle Feste gefeiert.

„Es ist interessant zu sehen, wie schnell Menschen sich mit Yoga verändern können“, sagt der 50-jährige Swami. „Swami“ ist ein religiöser Titel, der soviel bedeutet wie Meister. „Sie sind entspannter, schlafen und verdauen besser.“ Tatsächlich berichten viele Yogaanfänger schon nach wenigen Stunden von einem Gefühl tiefer Entspannung. Aber all diese Verbesserungen sind kein Selbstzweck. Sie dienen letztlich dem Ziel, inneren Frieden zu finden – und die Welt zu einem besseren Ort zu machen. „Wer inneren Frieden findet, kann Frieden um sich herum erzeugen und damit einen Beitrag leisten für die Gesellschaft, für eine hektische Großstadt wie Berlin.“

Auch Stefan Datt ist überzeugt: „Wenn die Yogis sich zusammentun, können große Kräfte mobilisiert werden“. Mit 22, als er schon fürchtete, dass die Welt ihm nichts mehr bieten könne, stieß er auf Yoga. „Ich dachte: aha, damit kann ich vielleicht den Rest des Lebens sinnvoll gestalten.“ Er verschenkte alles, was er besaß und lebte für sechs Jahre in verschieden Yogazentren und Klöstern, bis ihn das Schicksal in die Welt zurückführte, nach Berlin. Er stellte fest, dass in seiner Abwesenheit jede Menge Yogaschulen eröffnet hatten, darunter viele „Besserwisser-Yogis“, die sich gegen die anderen behaupten wollen.

Um die Gemeinschaft zu stärken, gründete der 39-Jährige 2005 das Berliner Yogafestival, eine mehrtägige Veranstaltung mit unterschiedlichen Yogastunden, Konzerten, Gastrednern, einer Art Yoga-Basar und Essens-Ständen. Von Jahr zu Jahr strömen mehr Yoga-Begeisterte auf das Festival-Gelände in Kladow. 6.500 waren es im Juli 2011. Die Veranstaltung ist in Europa einzigartig, Interessierte reisen von weit her an und festigen den Ruf Berlins als Yogahochburg.

Gelegentlich kann man beobachten, wie sich ein Spaziergänger auf die idyllische Wiese am Ufer des Wannsees verirrt und ein wenig verwirrt zuschaut, wie hundert Menschen wie in einem stillen Tanz gemeinsam die Arme in den Himmel heben, begleitet von den Sitar-Klängen, die aus einem der Zelte herüberwehen. Und wie er sich dann, nach einigem Zögern, zwischen den aufstrebenden Jungschauspieler, den indischen Weisen im orangefarbenen Gewand und die junge Frau mit hüftlangen Dreadlocks, die ihr Baby stillt, auf bunten Kissen niederlässt und einen Chai trinkt. Und vielleicht erzählt er später am Abend seiner Frau, dass die eigentlich ganz nett sind, die Yogis.

ILLUSTRATION: ELISABETH MOCH
www.elisabethmoch.com