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„Man muss in seine Menschlichkeit hineineinhören“

Gemeinsam mit Lars Krückeberg und Thomas Willemeit gründete Wolfram Putz Graft Architekten 1998 in Los Angeles. Inzwischen gibt es außerdem Büros in Berlin und Peking.
Neben spektakulären Villen, Bürogebäuden und Hotels steht Graft auch für soziale Projekte wie den Wiederaufbau der vom Sturm zerstörten Lower Ninth Ward in New Orleans oder mit Solarenergie betriebene Kioske für abgelegene Gebiete in Afrika.
Gegen den Wunsch nach Profit anzugehen, findet Wolfram Putz, ist wie gegen die Schwerkraft anzugehen. Große Reden gegen die Ungerechtigkeit der Welt zu schwingen käme ihm nicht in den Sinn. Der Aktivismus ist bei Graft nichts, was man sich groß auf die Fahnen schreibt, sondern eher etwas, das selbstverständlich mitläuft.
„Wir denken, jeder der kann, der sollte bei einem Teil seiner Arbeit über den eigenen Vorteil hinaus denken – weil wir einen darin Vorteil sehen, wenn das alle machen.“

Interessieren Sie sich für das Glück?
Ich habe sogar eine Landkarte des Glücks, die ich in meinen Vorträgen verwende, um zu zeigen, dass das Glück sehr ungleich verteilt ist.

Kann man mit Architektur zum Glück der Menschen beitragen?
Ja. Wir haben schon vor Jahren angefangen, uns mit diesem Thema zu beschäftigen. Als Nachhaltigkeit zum Megatrend wurde, haben wir auch den Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit betrachtet. Die ist schwer messbar, erweitert sich aber natürlich in ihrer parametrischen Betrachtung bis hin zur menschlichen Zufriedenheit oder Glück.

Welche Fragen stellen sich da?
Wie kann und muss Architektur, die Menschen glücklich macht, aufgestellt sein? Achtet sie drauf, versteht sie, wie das hergestellt wird? Wir sind sehr interessiert an psychoneurologischer Forschung, daran, wie unsere Wahrnehmungsapparate für was gebaut sind. Man weiß zum Beispiel, dass mit runden Formen zu leben als wesentlich angenehmer empfunden wird, als nur in cartesianischer Geometrie – das ist für uns natürlich toll! Glück interessiert uns also unter dem Aspekt der Schönheit, aber es interessiert uns auch unter dem Aspekt Zufriedenheit.

Wie fließen solche Überlegungen in ihre Arbeit ein?
Wir sehen beim Thema nachhaltige Architektur nicht nur energetische Fragen und Ressourcen-Fragen, sondern auch das Thema Glück. Wir bewegen uns auch in Kulturkreisen, wo der Bauherr sagt: Hier ist mein Feng Shui Berater, setzt dich mit dem mal auseinander. Dafür sind wir offen.

Und können Sie mit Feng Shui etwas anfangen?
Man muss das nur für sich übersetzen.
Wir hatten einmal einen chinesischen Bauherren, der zu unserer Planung gesagt hat: Da ist ein Drache in der Lobby.

Und was heißt das?
Es hatte etwas mit einer gewissen Lebendigkeit unserer Formensprache zu tun. Es war ihm zu viel Bewegung, Dynamik und Aggressivität ausgedrückt. Er wünschte sich mehr Ruhe für den Moment des Ankommens.

Gibt es denn in der Architektur allgemeingültige Standards, die für Wohlbefinden sorgen?
Das muss man sehr lokal betrachten. Die Semantik des Wohlbefindens wird ja auch durch Erinnerungen, gelebte Werte und optische Symbole geprägt. Ein Mitteleuropäer würde das Rokoko-Gold-Appartement von Donald Trump anders einschätzen als ein Chinese. Diese direkte Symbolik: Luxus muss schnörkelig und golden sein, würde zum Beispiel im Boros Bunker nicht funktionieren.

Sie haben in den letzten Jahren auch immer architektonische Hilfsprojekte initiiert und durchgeführt – zum Beispiel unterstützt von Hollywoodstar Brad Pitt in New Orleans die vom Sturm völlig Lower Ninth Ward wieder aufgebaut. Gerade ist Ihr Buch Architecture Activism erschienen – was meinen Sie mit diesem Begriff?
Wir meinen damit Projekte, die man selber initiiert, weil sie in den klassischen Mechanismen des Wirtschaftens übersehen werden, weil keiner die Wertschöpfung darin sieht oder andere Vorteile, Dinge, die sonst liegenbleiben würden.

Ist das denn eine spezielle Architektur?
Es ist einfach etwas, das man auch machen sollte, finden wir. Das gehört zum ganzheitlichen Sein. Unser Ideal ist es, Aktivismus in ganz normales Leben und Wirtschaften einzubetten. Wir nennen deswegen unsere Firma eine hybride Firma und nicht eine Aktivismus-Firma. Wir haben auch reiche Kunden aus Hollywood, für die wir Villen bauen und einen Teil des Profits benutzen wir eben, um andere Dinge anzuschieben.

Ist soziale Architektur denn für Gestalter reizvoll?
Jeder berühmte Architekt hat auch mal versucht, sich mit günstigem Wohnen für Menschen zu beschäftigen – das ist eigentlich die ursächliche Aufgabe von Architektur. Ich unterrichte ja auch an Universitäten und treffe dort viele Studierende, die diesen Make-the-world-a-better-place-Impetus mitbringen und in der Architektur umsetzen möchten. Bei manchen driftet das in einen leicht missionarischen Autoreneifer ab, die wollen die Welt mit ihrer Formensprache beglücken. Ich halte das für ganz normal – auch Michelangelo wollte gerne für die Medicis eine Kathedrale bauen oder die sixtinische Kapelle ausmalen.

Mit ihrem jüngsten Projekt – Heimat 2 – haben sie auf die Flüchtlingskrise reagiert.
Es haben ganz viele darauf reagiert, weil die Flüchtlinge natürlich auch ein großes Kriegsgewinnlergeschäft sind. Über diesen Winter sind viele Leute sehr reich geworden. Über Gewinnstreben kann ich mich gar nicht grundsätzlich aufregen, das ist so, als wenn man gegen die Schwerkraft wäre. Aber da einzusteigen und zu sagen, wir machen eben keine Profimaximierung, das hat uns gereizt. Wir wollen eine würdevollere Benchmark setzen, indem wir sagen: Wir wissen, dass man damit viel Geld verdienen kann und wir sind hier, weil wir das nicht erstrebenswert finden. Man darf sich das Herz nicht verhärten lassen, man muss in seine Menschlichkeit reinhören

Gibt es bestimmte Gebäude, die sie persönlich glücklich machen?
Ich bin fast jede freie Minute draußen in der Natur, man könnte also sagen, ich erhole mich in der Abwesenheit von Architektur.

Also haben Sie kein Faible für bestimmte Gebäude?
Burgen habe ich immer gemocht – besonders aufgrund ihrer Lage in der Landschaft. Ich habe außerdem ein Faible für substraktive Architektur – Sachen, die in Felsen hineingeschlagen wurden oder Mikwen, Ritualbäder der Juden, die bis ins Grundwasser gebohrt wurden.

Was mögen Sie daran?
Für mich als Architekten ist es interessant, dass die Figur des Raumes keine Außenfigur hat. Dass man da wie ein Maulwurf machen kann, was man will.

Also im Grunde Architektur, die im Einklang mit der Natur ist?
Ja. Lars und ich haben noch so einen Spezialfaible: für Kalenderbauten – das sind Architekturen, die etwas mit Zeit zu tun haben, also auf Sonnwenden ausgerichtet sind oder den Mondzyklus, Stonhenge beispielsweise oder die Bauten der Mayas. Und Thomas hat uns beiden seine Leidenschaft für die Symbiose von Architektur und Musik nahegebracht.

Wenn Sie es sich aussuchen dürften, was würden Sie gerne bauen?
Ich wünsche mir, ein Gebäude für die Demokratie zu bauen. Ich träume davon, das neue Parlament von Tunesien zu bauen.

Foto: Ali Kepenek