Text

Über die Klinge

Die Firmengebäude schmiegen sich dezent in die Landschaft. Auch die gerade fertig gestellte neue Halle ist niedrig, das Dach begrünt, um die Nachbarn nicht zu stören und den Blick nicht zu verstellen. Der geht hier weit über Hügel und Tannenwälder. Über den verschneiten Feldern kreisen die Krähen.
Angegeben wird nicht bei Mühle in Stützengrün, Ortsteil Hundsübel. Dabei hätte man durchaus Grund dazu. Hat sich das Familienunternehmen doch in den letzten Jahrzehnten zu einer weltweit renommierten Marke für Rasurkultur entwickelt. Ob Isetan in Tokio, Liberty in London, Takashimaya in Singapur oder Esbjerg in Wien – wo immer es gehobene Männerpflegeprodukte gibt, findet man die Rasierer und Pinsel von Mühle aus dem Erzgebirge. Überall werden die handwerkliche Perfektion und das gehobene Design made in Germany geschätzt. Das war durchaus nicht immer so in der bewegten Firmengeschichte. Nach der Wende stand das Unternehmen kurz vor dem Aus. „Mein Vater hat ums Überleben gekämpft“, erzählt Andreas Müller, der die Firma heute zusammen mit seinem Bruder Christian in dritter Generation leitet. „ Jeden Tag hat er überlegt, ob er wieder aufsperren soll oder ob er es sein lässt. Über Jahre hinweg. Das war richtig schwierig.“ Und es hat die Kindheit von Christian und Andreas geprägt. „Damals entstand diese enge Bindung an die Firma. Wir haben hier alles gemacht von Hof fegen bis Wände streichen.“ Über Wasser gehalten hat die Familie die Mutter, die Geld mit Werbung verdiente.

Fotos: Aselm Kissel

Fotos: Aselm Kissel

Fotos: Anselm Kissel

Fotos: Anselm Kissel

Fotos: Anselm Kissel

Fotos: Anselm Kissel

Bewegte Geschichte
Der 41-jährige Firmenchef – in schwarzen Sneakern, schwarzem Hemd und Jeans – führt durch die Werkshallen und erklärt den beeindruckenden Maschinenpark. Die CNC-Zweispindel-Drehmaschine drechselt auch komplizierte Griffkomponenten aus Messing oder Edelstahl, in einer anderen wirbelt ein kleiner Tornado um Stücke zu sandzustrahlen, in mit Eichenholzspänen und Schleifpaste gefüllten Trommeln werden Kunstharzteile 17 Stunden lang poliert. Viele der Maschinen wurden speziell für Mühle entwickelt, es gibt sie weltweit nur einmal. Die Technik im Haus sorgt für eine große Fertigungstiefe, kaum noch etwas muss zugekauft werden. Und man kann die Fertigung auch für andere Firmen übernehmen. „Unser Brot- und Buttergeschäft“, sagt Andreas Müller. Etwa 20 Prozent des Umsatzes werden so erwirtschaftet.
1945 wurde Mühle von Andreas und Christians Großvater Otto Johannes Müller, gerade aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt, gegründet. In einer Waschküche arbeitete er Tierhaar auf, stellte Bürsten und Pinsel her. Das Bürsten- und Pinselmacherhandwerk hat Tradition hier, wo das Erzgebirge an das Vogtland grenzt. Müller war ein tüchtiger Unternehmer, das Geschäft wuchs, 1963 exportierte man Pinsel in 36 Länder. Nach dem frühen Tod des Vaters übernahm 1965 Hans-Jürgen, der allerdings nicht lange wirtschaften durfte: 1972 wurde Mühle verstaatlicht und versorgte fortan die DDR und die sozialistischen Bruderstaaten mit billigen Rasierern aus Kunststoff und Pinseln aus Schweineborste.
1990 bekam Hans-Jürgen Müller die Firma zurück, aber es war nicht viel übrig davon. Kunden und Lieferanten existierten nicht mehr. Gerade mal drei Mitarbeiter konnte er sich noch leisten.
Aber das ist Geschichte. Heute steht das Unternehmen gut da. 70 Mitarbeiter sitzen an Arbeitstischen und Maschinen, 12 Millionen Euro Umsatz machte man im letzten Jahr.

Der Archetyp des Rasierpinsels
Angestrahlt von modernen Designerleuchten wird das Sortiment im firmeneigenen Showroom präsentiert. Da ist der „Sophist“, knubbelig runder Archetyp des Rasierpinsels, mit Griffen aus Grenadill-Holz, Horn oder Porzellan. Da ist die moderne Edelstahl-Serie Rocca, schwarz oder mit Birkenholzgriff und die Serie „Hexagon“, entworfen vom Berliner Produkt-Designer Marc Braun. Und da ist natürlich der Rasierhobel R89, Bestseller aus dem Hause Mühle.
Andreas Müller hat ein Faible für Design und Material. Für Sondereditionen ließ er schon Chinalack verarbeiten, jahrhundertealte Mooreiche oder Karbon. Und regelmäßig initiiert er Kooperationen mit namhaften Designern.
Als er vor 12 Jahren in die Firma eintrat hat er erst einmal das Sortiment aufgeräumt. „Es gab zu viele Produkte, Pinsel für 350 Euro standen neben billigen Schweineborste-Modellen, es war nicht mehr klar, wofür Mühle eigentlich steht“. Die Müllers besannen sich auf das Erbe des Großvaters, der auch schon den Ehrgeiz gehabt hatte, formschöne Artikel zu machen, die über den reinen Gebrauchswert hinaus gehen. Der Bedarf für schöne Rasur-Accessoires war da. In den 1990er-Jahren wurde die Nassrasur von stilorientierten Männern wieder entdeckt. „Ich denke“, sagt Müller, „wir haben dazu beigetragen, den Rasierpinsel aus der verstaubten Ecke in der Parfümerie herauszuholen. Es war immer unsere Vision, dass Rasieren keine lästige Pflicht ist, sondern ein schönes Alltagsritual.“ Der Bart- und Männerpflegeboom taten ein Übriges.

Manufaktur und Hightech
Während sein Bruder gleich nach der Schule in die Firma einstieg, hatte Andreas zunächst andere Pläne. Nach einem Auslandsjahr in Kanada studierte er Theologie, lernte Altgriechisch und Hebräisch. Pfarrer zu werden konnte er sich gut vorstellen. Es würde durchaus zu ihm passen. Er ist freundlich und ruhig und man hört ihm gerne zu. So präzise und klar ist seine Sprache, so schön die persönlichen kleinen Geschichten, die er einstreut. Aber dann hat ihn die Liebe zur Firma doch eingeholt. In den Semesterferien und oft an den Wochenenden arbeitete er mit, in wichtige Entscheidungen war er sowieso immer eingebunden. „Ich war emotional drin und ich habe gemerkt, es geht mir leicht von der Hand.“ Ob er die Entscheidung je bereut hat? „Nie“, sagt er, „keinen Tag.“
Trotz der modernen Technik ist Mühle im Herzen eine Manufaktur. Die meisten der Mitarbeiter, die alle graue Hemden oder rot-graue Kittel mit Mühle-Logo tragen, fertigen und montieren Teile von Hand. Der Chef beugt sich über Werkbänke, kommt ins Gespräch, wobei seine Sprache etwas mehr ins Sächsische gleitet als bei den Besuchern aus Berlin. „Hallo, ich grüße dich“, sagt er immer wieder freundlich zu Vorübergehenden. Natürlich kennt er seine Mitarbeiter persönlich. Die meisten sind schon lange hier, sind in der Gegend aufgewachsen, oft haben Mütter, Väter oder Onkel auch hier gearbeitet oder tun es noch. Mühle ist ein Familienbetrieb, nicht nur auf Führungsebene.
Und dass die Mitarbeiter sich wohl fühlen, ist den Chefs wichtig. Der neue Erweiterungsbau hat eine große Kantine mit Blick ins Grüne, die Decke
wird von Holzbalken gestützt, was dem Raum eine gewisse Wohnlichkeit verleiht. Billige Industriearchitektur, bei der es nur darum geht, dass sie in 10 Jahren abgeschrieben ist, ist nicht im Sinne der Müllers.
An einem großen Arbeitstisch sitzen vier Frauen. Vom Hof fällt milchiges Winterlicht in den Raum. Hier werden die Pinselköpfe gefertigt, die einst das Herzstück der Firma bildeten. Stephanie Hahn hat Friseurin gelernt, sie hat also Erfahrung mit Haaren. Mit präzisen Handgriffen wiegt sie das hochwertige Silberspitzdachshaar ab und teilt die genau richtige Menge ab. Dann füllt sie das Bündel in eine metallene Hohlform. Die Metallhülse wird anschließend auf den Tisch geklopft, damit die Haare in die konvexe Form rutschen, die perfekte Rundung des Pinselkopfes annehmen und der charakteristische dunkle Streifen gleichmäßig verläuft. Bei widerspenstigen Härchen hilft Hahn vorsichtig mit den Fingern nach. Dann werden die Haare mit einem Ring befestigt. Bevor die fertigen Pinselköpfe zur Weiterverarbeitung auf einem Tablett gesammelt werden, wird noch jeder einzelne sorgfältig ausgekämmt.
Mühle stellt auch synthetische Pinselköpfe her und der Chef hat es sich zur Aufgabe gemacht, hier Überzeugungsarbeit zu leisten. „Wenn man sich über Tierschutz Gedanken macht, machen synthetische Pinsel natürlich Sinn“, sagt er. Auch ist die Pflege viel einfacher. Ein Naturhaarpinsel muss nach jedem Gebrauch sehr gründlich gereinigt und getrocknet werden, sonst brechen die Haare ab und fallen aus. „Dass das nicht an mangelnder Qualität, sondern an mangelnder Pflege liegt, hören die Kunden nicht so gern.“

Heimat und Familie
Die Landstraße schlängelt sich zwischen spitzgiebeligen Fachwerkhäusern und an Feldern vorbei. Selbst an einem grauen Tag geht der Blick weit, wenn es klar ist, kann man in der Ferne das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig sehen. Dank Deutschlands größtem Umweltsanierungsprojekt ist von den Verwüstungen, die der Bergbau in der Region angerichtet hat, nichts mehr zu sehen. In seiner Kindheit, erinnert sich Müller, sah es hier noch anders aus. Über riesigen Erzhalden leuchtete im Dunkeln rot der Sowjetstern und machte dem Jungen Angst.
In der Dorfkneipe gibt es Sauerbraten mit Klößen und Schlager aus dem Radio.
Obwohl Andreas Müller viel von der Welt gesehen hat und immer noch viel auf Reisen ist, ist ihm Heimat wichtig. „Es ist unmöglich die Firma woanders zu denken“, sagt er. „Sie ist hier entstanden, alle Mitarbeiter stammen von hier.“ Und das hat nicht nur sentimentalen Wert. In diesem kargen Landstrich, wo die Menschen nicht von der Landwirtschaft leben konnten, mussten sie andere Qualitäten entwickeln. „Die Leute hier sind sperrig und mundfaul, aber es sind auch detailverliebte Tüftler, die sich nicht so schnell mit einer Lösung zufrieden geben. Davon profitieren wir.“
Wie einst er und sein Bruder, wachsen Andreas Müllers Kinder, heute 2 und 4 Jahre alt, in Sichtweite des Firmengeländes auf. Hof fegen und Wände streichen werden sie wohl nicht müssen, aber wahrscheinlich wird auch in ihrem Leben die Firma eine große Rolle spielen.
„Wenn ich früher nach der DNA der Marke gefragt wurde“, sagt Müller, „habe ich ‚Nachhaltigkeit’ genannt, ‚Design’ und ‚Handmade in Germany’ – ‚Familiengeführt’ habe ich nicht erwähnt, aber es gehört auch dazu.“ Er schaut aus dem Fenster auf den Hang des Steinberges, von dem das Wasser für das Wernesgrüner Bier kommt, das ein paar Kilometer von hier gebraut wird und setzt nach: „Es gehört definitiv dazu.“