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Zurück in die Zukunft

Durch die Fenster scheint die Sonne und beleuchtet die massiven alten Schränke mit den metallenen Rolltüren. Hier im fünften Stock ist der Lärm des Hackeschen Marktes weit weg. Das Büro von Merz b Schwanen ist eine Oase der Stille mitten in der Großstadthektik. Auf dem schweren Holztisch liegt ein altes Männerunterhemd. Kurzärmelig, aus gelblich-beigem Baumwolljersey mit einer Knopfleiste, an der drei Wäscheknöpfe aus Stoff prangen, sauber gearbeiteten Bündchen und einem eingenähten Schild auf dem in altmodisch schnörkeligem Schriftzug „prima Qualität“ steht. Es scheint vertraut, so als hätte man es schon einmal irgendwo gesehen. Auf einem der Bilder von August Sander beispielsweise, der Anfang des 20.Jahrhunderts Bauern im Westerwald fotografierte. Eindringliche Portraits, auf denen die Menschen sehr ernst in die Kamera schauen und Kleidung tragen, die aus heutiger Sicht sehr formal, fast elegant wirkt. Mit diesem schlichten Hemdchen hat alles angefangen. Als der Designer Peter Plotnicki es auf dem Flohmarkt entdeckte, schlug sein Herz höher. Warum, kann er schwer sagen. „Ein Bauchgefühl, das direkt da war. Es lag wohl an dieser Einfachheit. Es ist ja nicht viel dran und doch ist es eine so perfekte runde Sache“, sagt er. Er spricht ruhig, fast bedächtig. Plotnicki fragte den Händler – den Wäsche-Enthusiasten Joachim Plonka, der heute den Laden Fein und Ripp in der Kastanienallee betreibt – nach der Herkunft des Teils. Plonka brachte Plotnicki mit Rudolf Loder zusammen, Wäschefabrikant aus Albstadt in der schwäbischen Alp, der Lagerware und alte Strickmaschinen gerettet hatte, als das Traditionshaus Merz b Schwanen einige Jahre zuvor den Betrieb eingestellt hatte.   Peter Plotnicki träumte schon lange davon, etwas Eigenes zu entwickeln. Als großer Jeans-Fan, der viele Jahre Vintage-Modelle von Levi’s gesammelt hat, dachte er zunächst an Jeans. „Aber es gab zwei Fragen, die ich mir immer wieder gestellt habe: ‚Was hat Deutschland mit Jeans zu tun’ und ‚Würde ich selbst diese Jeans tragen’?“ Die zweite Frage beantwortete er sich immer mit nein. Seine geliebten Levi’s Vintage-Jeans, bis heute die einzigen, die er trägt, würde er nicht eintauschen wollen. Wenn es aber möglich wäre, solche schlichten Shirts herzustellen und zwar genau so, wie sie früher hergestellt wurden, fand Plotnicki, könnte das genau das Produkt sein, nachdem er gesucht hatte. „Im Prinzip“, befand Loder, „sei das möglich.“ Und tatsächlich funktionierten die alten Rundstrickmaschinen noch und sie konnten die Arbeit wieder aufnehmen. Und so wagte Plotnicki einen Neuanfang, der tief in alter Tradition verwurzelt ist. In der schwäbischen Alp wird bereits seit den 1850er-Jahren Wäsche hergestellt. Nachdem die Böden immer unfruchtbarer wurden, mussten sich die Bauern einen anderen Lebensunterhalt suchen, sie importieren die 1789 in Frankreich erfundenen Rundstrickmaschinen, die Wäscheproduktion Produktion begann. Die viel weichere Baumwollwäsche ersetzte die damals übliche aus Leinen, durch das Rundstricken entfielen die Seitennähte, so dass nichts drückte oder rieb. Nachdem geklärt war, dass der Traum wahr werden könnte, fehlte nur noch ein Name. „Ein Fantasiename“, sagt Plotnicki, der das Unternehmen gemeinsam mit seiner Frau Gitta betreibt, „kam für uns nicht in Frage.“ Schließlich bot die Familie Merz, als sie von dem Projekt erfuhr, von sich aus ihren Namen an. „Der Name ist ein Geschenk des Himmels, wir bekamen von einem Moment zum anderen fast 100 Jahre Geschichte in die Hände.“ Besonders der Schwan hat es den Plotnickis angetan. „Dass er für Schönheit und Reinheit steht“, erklärt Gitta Plotnicki, „wissen ja die Meisten. Aber kürzlich haben wir herausgefunden, dass er auch als Krafttier für einen Neuanfang von etwas steht, das einmal gestorben war.“ Offenbar stand das Unternehmen unter einem guten Stern. Im Januar 2011 wurde die erste Kollektion auf der Bread&Butter vorgestellt – mit Erfolg. 70 Händler in 14 Ländern wurden 2013 beliefert, 20.000 Teile gefertigt. Das Unternehmen soll wachsen, aber langsam. Zwei Kollektionen werden pro Jahr entwickelt, inzwischen auch für Damen. Im Zentrum steht das klassische Henley-Shirt mit Knopfleiste, mit kurzen oder Dreiviertelärmeln, dazu kommen Tank-Tops und T-Shirts mit rundem Ausschnitt. Das Geschäft soll aber nicht nur auf diesen zwei Kollektionen basieren. „Was wir machen, ist kein Modeprodukt, wir möchten es als Standard etablieren“, sagt Plotnicki. Daher haben Kunden die Möglichkeit, das ganze Jahr über nachzubestellen. So wird die Produktpalette auch nur in engem Rahmen weiterentwickelt. Zwei neue Farben gibt es pro Saison, neue Materialmixe werden ausprobiert. Gefertigt wird aus hochwertigen Bio-Baumwoll- und Viskosegarnen aus Griechenland und Portugal, hautsächlich in Mako Imit Qualität, die aus 67 Prozent Baumwolle und 33 Prozent Viskose besteht und ganz besonders weich ist. Im Winter kommen Merino-Baumwoll-Kombinationen dazu. Da auf chemische Ausrüstung weitestgehend verzichtet wird, braucht ein Merz b Schwanen-Teil ein wenig mehr Aufmerksamkeit als ein Standard-T-Shirt. Extremschleudergänge verträgt es schlecht und manches muss nach dem Waschen wieder in Form gezogen werden. „Unsere Produkte sind lebendig, sie verändern sich mit der Zeit“, sagt Gitta Plotnicki. Beim Tragen reibt sich die Baumwolle ein wenig ab, es kommt zu einem „Peeling“-Effekt, was übrigens in Japan als Qualitätsmerkmal geschätzt wird. Das liegt an der besonderen Fertigung. Die alten Maschinen sind sehr viel langsamer und können viel feinere Garne verarbeiten. Und sie produzieren kleine Unregelmäßigkeiten im Maschenbild. Sehr viel mehr Aufwand und Geschick ist nötig als bei modernen Maschinen. Es war nicht einfach, überhaupt jemanden zu finden, der die Technik noch beherrscht. Ein Rentner wurde aus dem Ruhestand zurück geholt, der sein Berufsleben an den Maschinen verbracht hatte. „Der Herr Bosch geht durch den Raum und hört, wenn es einer Maschine nicht gut geht. Er legt die Hand drauf und durch die veränderte Vibration weiß er, wo an welcher Schraube gedreht werden muss.“ Peter und Gitta Plotnicki betreiben ihr Label mit viel Herzblut. Das liegt wahrscheinlich daran, dass sie selbst genau die Menschen sind, für die Merz b Schwanen-Modelle gemacht sind. „Wir leben den Luxus des Verzichts“, sagt Gitta Plotnicki. Sie möchten wenige Dinge haben, aber gute. Dinge, die man wertschätzt, weil sie mit Freude und Hingabe gemacht werden, unter menschenwürdigen Bedingungen. Irgendwie merkt man das einem Produkt an, auch wenn man die Geschichte dahinter nicht kennt, davon ist Gitta Plotnicki überzeugt. „ Das läuft eher unterbewusst ab. Immer mehr Menschen sehen sich in unser schnelllebigen Zeit nach etwas, das Ruhe und Halt gibt. “ Und immer mehr Menschen sehen ein, dass Billig-Konsum schädlich und menschenverachtend ist. „ Natürlich bewegen wir uns in einer Nische“, sagt Peter Plotnicki, „aber ich bin davon überzeugt, dass die immer mehr Anhänger finden wird.“