Alles, was scharf ist

Andreas Lorenzi führt das 1835 von seinem Urgroßvater Zeno Lorenzi in der Wiener Siebensterngasse eröffnete Schneidwarengeschäft, in dem es über 5.000 Artikel gibt – vom Damaszener Dolch bis zur Nagelschere. Bei allem Traditionsbewusstsein interessiert sich der Unternehmer aber mehr für die Zukunft als für die Vergangenheit.

Natürlich kann man mit Andreas Lorenzi über Messer sprechen. Schließlich ist er Messerschleifer und -händler in 8. Generation. Er weiß alles über Lagenstahl, Ritzgravur oder die charakteristische Form des Santokuklinge. Aber es kann auch passieren, dass man sich plötzlich in einer Diskussion über die Grundbegriffe der Mathematik oder die Heisenbergsche Unschärferelation wiederfindet. Der 42jährige Wiener ist vielseitig interessiert und gebildet, er erzählt lebhaft, mit hinter der randlosen Brille blitzenden Augen. „Mich interessieren ganz viele Sachen, mein Problem ist der Überfluss an Zeitmangel“, sagt er und lacht. Er hat Wirtschafts- und Finanzwissenschaften studiert, er hätte also auch etwas ganz anderes tun können, als den Familienbetrieb zu übernehmen. Obwohl – vielleicht auch nicht. Der Lorenzi-Zauber scheint stark zu sein. Auf der Internetseite des Unternehmens sieht man den Stammbaum der Familie, hunderte Namen sind da verzeichnet, viele sind rot markiert – das sind die, die Andreas Lorenzi persönlich kennt. Auf der ganzen Welt sind sie verteilt und ein großer Teil hat irgendetwas mit Messern zu tun. „Das ist schon kurios, wieviele aus der Familie diesem Thema verhaftet sind“, sagt Lorenzi. „Irgendwie kommt man wohl nicht weg“. 
Die Familie stammt aus dem Rendena-Tal, nordwestlich des Gardasees. Eine karge Region, in der hauptsächlich Bergbauern lebten, die viele Kinder hatten. „Das hat wirtschaftlich nicht gereicht“, erklärt der Unternehmer. „So haben sich Auswanderer-Berufe ergeben. Eismacher, Salamihersteller, Rauchfangkehrer – und eben Messer- und Scherenschleifer.“ Die zogen mit einem hölzernen Karren, auf dem ein Schleifstein befestigt war, durchs Land und boten ihre Dienste an. Eine solche Schleifkarre hat Lorenzi vor einiger Zeit erworben. Das eine Rad und die hölzernen Hörner verweisen auf ihren Ursprung in genau dem Tal, aus dem die Familie stammt. Als er sie für ein Foto aus dem Lager auf die Straße rollt, wird die Vergangenheit lebendig. 
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts landeten Lorenzis Vorfahren, wahrscheinlich im Tross Napoleons, in Wien. Seit 1835 gibt es das Geschäft im siebten Bezirk, der einst von kleinen Handwerksbetrieben geprägt war und heute eher von hippen Vintage-Stores und asiatischem Streetfood. Über 5000 Produkte haben die Lorenzis auf Lager, inzwischen kann man die auch online kaufen. Den Onlineshop hat Andreas Lorenzi komplett selbst eingerichtet. Teure Dienstleister zu bezahlen für etwas, in das er sich selbst reinfuchsen kann, kommt für ihn nicht in Frage. „Ich bin ein Bastler“, sagt er, „so wird mir auch nicht fad.“
Heute sind die Lorenzis die Einzigen weit und breit, die noch Messer schleifen. Ungefähr 15 Euro kostet diese Dienstleistung, bei der die Klinge nicht nur geschärft, sondern als Ganzes in Form gebracht wird, was man zu Hause mit dem Schleifstein nicht hinbekommt. Obwohl das Schleifen heute nur einen kleinen Teil des Umsatzes ausmacht, findet es Lorenzi wichtig, Verkauf und Service anzubieten. 

Auch Lorenzis Mutter Elvira, die das Geschäft 1975 von ihrer Mutter Rosa übernahm, hatte eigentlich anderes vor. Sie war studierte Opernsängerin, „eine Bühnendame“ wie er Sohn voller Bewunderung sagt. Und eine, die über den Tellerrand schaute. Sie reiste in die USA, um zu sehen, was es dort an neuen Entwicklungen gab, arbeitete in der Knifmakers-Guild mit. Neugier und Unternehmungslust hat ihr Sohn, der die Firma seit 20 Jahren führt, wohl von ihr. Er reist viel, besucht Hersteller in der ganzen Welt, seine Frau, die auch im Unternehmen arbeitet und die Tochter reisen mit. 
2017 gründete er gegenüber dem Laden die Galerie „Scharf-Sinn“, in der regelmäßig Ausstellungen stattfinden, Hersteller zum Meet-and-Greet vorbeischauen und gut besuchte Schleifkurse angeboten werden. „Erlebnisse sind für viele heute wichtiger als Dinge“, erklärt der Unternehmer die Beliebtheit der Veranstaltungen. Außderdem weiß er, dass Storytelling immer wichtiger wird. „Das Gute bei uns ist: Die Geschichten sind da, wir müssen sie nur aufbereiten.“ So macht er sich um die Zukunft keine Sorgen. „So lange wir Luft atmen und Wasser trinken, werden wir Dinge schneiden.“ Ein allgemein wachsendes Qualitätsbewusstsein sieht er zwar nicht. „Aber die Leute, die zu uns kommen, werden auch nicht weniger, wir haben einen Markt und der hat Wachstumspotenzial.“

Auf dem großen Tisch in der Galerie liegen neben Stapeln von original verpackten Produkten, die die Lorenzis von der Blade Show in Atlanta, der weltgrößten Messer-Messe, mitgebracht haben, Stapel weißer Pappkärtchen, die sich die siebenjährige (Namen erfrage ich noch) für den Messebesuch gebastelt hat. „Lorenzi“ hat sie in großen Bleistiftbuchstaben darauf geschrieben und daneben Messer und Scheren gezeichnet. Die Zukunft des Familienbetriebes scheint gesichert.

Übrigens: Der ideale Winkel, in dem ein Messer geschliffen wird, beträgt 30 Grad – entspricht also genau dem Winkel, in dem ein Rasiermesser angelegt werden sollte (und der diesem Magazin den Namen gegeben hat)

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